Vera Rüttimann

«Die göttliche Ordnung» in der Schweizer Botschaft in Berlin

Aus der Schweizer Botschaft drangen in dieser Nacht Sätze wie «Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau», «Ich mach dir noch mal ein Kind, dann ist dir nicht mehr so langweilig», «Ich habe einen Tiger zwischen den Beinen» und: «Frauen in der Politik sind gegen die göttliche Ordnung». Was war da los? Botschafterin Christine Schraner Burgener lud heute geladene Gäste zur Vorführung des Films «Die göttliche Ordnung» ein. Darunter war viel Prominenz, so etwa  die ehemalige Präsidentin des Schweizerischen Nationalrates Gret Haller, die Juristin Zita Küng und die junge Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer.

In dem Schweizer Kinohit erzählt die Regisseurin Petra Volle vom Kampf um die Einführung des Frauenstimmrechts am Beispiel der braven Heldin Nora Ruckstuhl, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Die Gäste verfolgten gebannt mit, wie Frauen in einem Appenzeller Dorf langsam begannen, sich hartnäckig für das Frauenstimmrecht einzusetzen – und dafür, wieder berufstätig sein zu können. Wie unter einem Brennglas zeigt der Film die reaktionäre, (kirchlich) erzkonservative und kleinbürgerliche Schweiz der Nachkriegszeit. Manches war zum Weinen komisch, anderes einfach nur zum Heulen.

Die jungen Berlinerinnen, darunter viele Mitarbeiterinnen der umliegenden Ministerien, konnten kaum glauben, dass das Frauenwahlrecht erst 1971 in der Schweiz eingeführt wurde. «Da waren die Schweizer einmal nicht die Schnellsten», so ihr Tenor. Für die Jüngeren im Publikum ist dieser Film allein deshalb wichtig, weil sie kaum mehr etwas über die Kämpfe ihrer Mütter und Grossmütter in der Schweiz wissen. Was für ein Glück, dass diese Generation, die in den 1960ern auf die Welt kamen, diese Kämpfe nicht mehr ausfechten mussten und frei wählen konnten, wo sie leben und arbeiten wollen. Das dachte sich wohl auch mancher Berlin-Schweizer, der in der deutschen Hauptstadt lebt.

Gret Haller aber war es, die mahnte, dass seit Trumps Wahlsieg in Sachen Frauenrechte um viel Erreichtes gebangt werden muss. In vielen europäischen Ländern bedrohen zudem rechtsnationale Bewegungen die Errungenschaften der Emanzipation. Die Frage, ob der Kampf um Frauenrechte heute noch nötig sei, wurde auch an diesem Ort eindeutig mit «Ja!» beantwortet.

Wie bezeichnend, dass ausgerechnet Christine Schraner-Burgener, die erste Frau auf dem Posten der Schweizer Botschaft in Berlin, diesen Film präsentieren konnte.  Nachbarin Angela Merkel, ahnte sie wohl, hätte bei dieser Filmvorführung gerne vorbei geschaut.

Vagina. Street-Art in Berlin. © Vera Rüttimann 2012
19. Oktober 2017 | 02:14
von Vera Rüttimann
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