Bruder Klaus und Gefährten

Die Freiheit der anderen

Niklaus von Flüe nimmt sich die Freiheit, seinem Leben eine einschneidende Wende zu geben und zum Bruder im Ranft zu werden. Das kostet sein persönliches Umfeld einiges. Die Quellen überliefern uns, dass die Familie mit dem Schritt einverstanden war, dennoch ist vorstellbar, was der Entscheid an Zumutungen bedeutete: Der einst angesehene Familienvater und Bauer zunehmend arbeitsunfähig – der Bruder und Freund auf einem Pilgerweg ohne geplante Rückkehr – der geschätzte Politiker und Vertrauensmann von Visionen geleitet und allein Gott dienend… Die Leute werden geredet und sich über das seltsame Gebaren des einst so gestandenen Mannes ausgelassen haben.

Die Freiheit, mit der Niklaus sich für seinen Weg entschied, ist herausfordernd. Gleichzeitig macht ihn eben diese Freiheit zu einem, den man aufsucht, will man sich klar werden über die eigenen Schritte. Er wusste um das Ringen um den rechten Weg und darum, dass menschliches Urteilen über richtig und falsch nicht zwingend Orientierung gibt. Das hat ihn grossherzig gemacht, wenn es um die Freiheit anderer ging.

Von seinen ältesten Söhnen wissen wir, dass sie an vorderster Front in den Burgunder Kriegen mitgekämpft haben. Ausgerechnet die beiden, die die Abscheu des Vaters vor aller Gewaltanwendung, sein Gespür für Gerechtigkeit und seine tiefe Sehnsucht nach Frieden von der Wiege auf mitbekamen, entscheiden sich für eine militärische Karriere, die ihnen auch auf politischer Ebene Erfolg bringt. Wie das für Niklaus und Dorothee gewesen sein mag, dass die eigenen Kinder Wege wählten, die vom Vater nach einschlägigen Erfahrungen bewusst verlassen wurden? Es ist von Niklaus nichts überliefert, das darauf schliessen liesse, dass er seine Söhne für ihre Wahl getadelt hätte oder dass er sie zur Vernunft rief.

Niklaus hat ihnen wohl ihre Freiheit gelassen, so wie sie ihn seines Wegs ziehen liessen – im Wissen darum, dass sich nur entfalten kann, was entsprechend Raum bekommt.

Nadia Rudolf von Rohr

 

Literaturhinweis:

Niklaus Kuster / Nadia Rudolf von Rohr (2017): Fernnahe Liebe. Niklaus und Dorothea von Flüe. Ostfildern 22017.

Weg in den Ranft. Niklaus von Flüe gestand auch den anderen, selbst seinen Söhnen, jenen eigenen Weg zu, den er auch für sich beanspruchte. (Foto: Urs Wallimann)
14. Juli 2017 | 00:03
von Bruder Klaus und Gefährten
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