Jacqueline Straub

«Die europäische Kirche hat eine Lebenskrise»

Als Barbara Schmid-Federer ihren Rücktritt nach elf Jahren als CVP-Nationalrätin bekannt gab, wurde dieser «extrem stark medialisiert». Dabei wurde sie als Gegenspielerin von Parteipräsident Gerhard Pfister dargestellt. «Es stimmt, dass Gerhard Pfister und ich politische Differenzen hatten», sagt sie ruhig und rührt in ihrem Früchtetee. «Persönlich haben wir uns immer gut verstanden. Wir waren Sitznachbarn. Und zwar freiwillig. Das tut man im Nationalrat nicht, wenn man sich nicht mag».

Herz für Migration

Der Grund, warum sie zurückgetreten ist, ist ein anderer: «Ich hatte immer das Bedürfnis, mich stärker im Bereich verschiedener Hilfswerke zu engagieren. Ich bin jetzt noch genug jung, um dies in die Tat umzusetzen», sagt die 53-Jährige. Schmid-Federer ist Mitglied im Rotkreuzrat und Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes des Kantons Zürich. Wenn sie über die vielfältigen Aufgaben beim Roten Kreuz spricht, leuchten ihre Augen. «Mir liegt die Migration am Herzen», so Schmid-Federer. Ebenso glaubt sie, dass die Betreuung von älteren Personen in der Zukunft ein «Megathema» sein wird. Der Staat sei damit heillos überfordert. Das Rote Kreuz sei wie ein Auffangnetz. «Wird dieser Entlastungsdienst ausgebaut, helfen wir der ganzen Gesellschaft», ist sich die ehemalige Nationalrätin sicher. «Es ist traurig, dass es immer schwieriger wird, die Verletzlichkeit der Menschen auf die politische Agenda zu bringen.» 

Aus zwei Gründen zog es Schmid-Federer in die Politik: Als die Schweizer Abstimmenden am 6. Dezember 1992 den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ablehnten, verlor die damals 27-Jährige ihre Stelle als Deutschlehrerin in Frankreich. Ausschlaggebend war dann die Geburt ihres ersten Kindes mit 29 Jahren. Sie hatte das Gefühl, dass Familienpolitik in der Schweiz zu wenig gut funktionierte. «Das war auch der Grund, warum ich der CVP als Familienpartei beigetreten bin, und das Gefühl hatte, dass ich da etwas bewirken kann», sagt sie rückblickend.

«Nationalrat ist ein Haifischbecken»

Ohne vorher ein politisches Amt ausgeübt zu haben, wurde Schmid-Federer 2007 in den Nationalrat gewählt. «Ich wurde als Nicht-Juristin der Rechtskommission zugeteilt. Das war ein schwieriger Start. Auf Hilfe war nicht zu hoffen, denn der Nationalrat ist ein Haifischbecken, in welchem alle mit sich selber beschäftigt sind». Doch sie bewältigte ihre Aufgaben, indem sie sich sehr gut in die Dossiers einarbeitete, und sieht heute ihre Zeit als Nationalrätin als einmalige Erfahrung.

Wenn Schmid-Federer über ihre Aktionen und Programmpunkte im Nationalrat erzählt, sieht man ihr die Freude an. Es sind nicht die grossen Würfe, mit der sich andere schmücken, über die sie sich freut. Es sind die Erfolge der kleinteiligen politischen Arbeit, des politischen Handwerks abseits der medialen Live-Berichterstattung. «Aus einer Minderheit eine Mehrheit machen, ist etwas Wunderschönes», so die ehemalige CVP-Nationalrätin, die offenbar geschickt Brücken gebaut hat.

Durch und durch Familienmensch

Die Familie lag ihr nicht nur in der Politik sehr am Herzen. Auch im Privaten ist sie durch und durch ein Familienmensch. So organisiert sie regelmässig Familientreffen, die immer grösser werden. 

Seit vielen Jahren geht die Familie Schmid-Federer in der Karwoche für ein paar Tage ins Kloster Einsiedeln. Der momentane Abt ist ihr Bruder, Urban Federer. «Mir tut es immer sehr gut, dort zu sein», so die Rotkreuzrätin.

Reformen in der Kirche

Von der Kirche wünscht sie sich Veränderungen. «Die europäische Kirche hat eine Lebenskrise. Und wenn sie es nicht schafft, Frauen in die geistlichen Ämter zuzulassen, dann sehe ich wirklich schwarz. Es ist ein Verrat an der Schöpfung, wenn man Frauen zu höheren Ämtern nicht zulässt», sagt sie bestimmt. Und auch dem innerkirchlichen Klima täte die Frauenordination gut, ist Schmid-Federer überzeugt: «Diese über Jahrhunderte tradierte Verbindung von Männern und Macht öffnet dem Missbrauch Tür und Tor, wie wir immer wieder schockiert zur Kenntnis nehmen müssen.»

Die 53-Jährige geniesst es, nach dem Verlassen der politischen Bühne wieder etwas mehr Zeit für die Familie zu haben. «Meine zwei Söhne machen sich sogar manchmal Sorgen, dass ich zu wenig zu tun habe», sagt sie und lacht.

Bildquellen

Barbara Schmid-Federer (Fotograf: Marco Blessano)
10. April 2019 | 17:23
von Jacqueline Straub
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