Walter Ludin

Die Bibel (Gesetze) wortwörtlich befolgen führt in die Irre

Ganz fromme Kirchenchristen und atheistische Kirchenkritiker haben eines gemeinsam: Sie nehmen die Bibel ganz wörtlich. Sie nehmen sich nicht die Mühe, den Zusammenhang der Worte und die Absicht der Verfasser kennenzulernen. (Eklatante Beispiele dafür finden wir bisweilen in Kommentaren zu diesem Blog…)
Wer aber die Bibel wortwörtlich nimmt, wird an ihr zweifeln und bald auch verzweifeln. Die aktuellen Lesungen sind ein gutes Beispiel dafür, dass man die Bibel mit Verstand lesen muss. Es heisst hier, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerettet wird. Noch am letzten Mittwoch hörten wir im Tages-Evangelium die Worte Jesu: «Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern um das Gesetz zu erfüllen.»
Was gilt nun:

Die Worte des Paulus, dass das Gesetz für Christen praktisch bedeutungslos ist?
Oder die Worte Jesu, dass man das Gesetz nicht aufheben darf?

(Zuerst zeige ich als Beispiel, dass Jesus den Buchstaben des Sabbat-Gebotes verletzt, aber seinen Sinn erfüllt: Durch die Heilung am Sabbat wird ein Mensch befreit. Dann:) Zu Paulus und seiner Meinung, das Gesetz rette die Menschen nicht. Dazu nicht grosse Theorien, sondern eine Geschichte. Sie handelt von Rabia, einer sufistischen, d.h. islamischen Mystikerin aus dem 8. Jahrhundert:

Man sah Rabia auf der Strasse mit einem Eimer Wasser in der einen Hand und einer Fackel in der anderen Hand. Als sie gefragt wurde, was dies zu bedeuten habe, antwortete sie: «Ich will Wasser in die Hölle giessen und Feuer ans Paradies legen, damit niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete.
Ein Gebet der Rabia zeigt ihr Anliegen noch deutlicher: «O Herr, wenn ich Dich aus Angst vor der Hölle liebe, verbrenne mich dort, und wenn ich Dich in der Hoffnung auf das Paradies liebe, schliesse mich dort aus. Doch wenn ich Dich aus Liebe zu Dir selbst liebe, entziehe mir nicht Deine göttliche Schönheit.»

Dies ist ganz im Sinne des Paulus. Wir sollen nicht aus Angst vor Strafe den Buchstaben des Gesetzes erfüllen. Sondern wir sind eingeladen, auf Jesus zu vertrauen und aus Liebe zu ihm seinem Beispiel zu folgen.

Ich fasse zusammen:

Jesus will, dass wir nicht auf die Buchstaben der Bibel starren, sondern mit Verstand den Sinn der biblischen Weisungen suchen.
Paulus will, dass wir uns nicht an Vorschriften klammern, sie sklavisch befolgen und meinen, damit den Himmel zu verdienen.

Wie hat doch jemand gesagt: Ein Himmel, den wir uns verdienen könnten, wäre ein erbärmlicher Himmel. Der Himmel aber, den Gott uns aus Gnade und Barmherzigkeit schenkt, ist viel schöner, als wir ihn uns vorstellen können.
Fräkmünt/Pilatus 10 Uhr

16. Juni 2013 | 01:24
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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