Walter Ludin

«Dich kenne ich!» Eine verspätete Sonntagspredigt

Ich meine Predigt vom letzten Sonntag nicht hier veröffentlicht, da ich aus aktuellem Anlass mich mit der Griechenlandkrise befasste. Da die Echos auf die Predigt sehr gut waren, möchte ich sie euch heute nicht vorenthalten.
Es war vor sechs Jahren. Anlässlich eines franziskanischen Jubiläums nahm ich in Assisi an einem so genannten Mattenkapitel teil. Wir waren rund 3000 Brüder aus der ganzen Welt: schwarze und braune Franziskaner und Kapuziner. Am Schluss waren wir eingeladen, am Grab des Franziskus vor den betreffenden General-Minister zu treten und vom ihm eine neue Ausgabe der Ordensregel zu bekommen. Vor mir war ein Indonesier und stellte sich vor: «I am from Indonesia.» Dann kam ich zu unsrem General, der ja ein Schweizer ist und ein Kurskollege von mir. Ich erlaubte mir den Scherz und sagte: «I’am from Switzerland.» Mauro lachte und sagte: «Ja, dich kennen wir!» Es war selbstverständlich sehr liebevoll gemeint.
«Dich kenne ich»: Wenn wir das sagen, meinen wir es ganz anders. Wir möchten damit etwa ausdrücken: «Mach mir nichts vor. Ich weiss ja, was für einer du bist. Von dir erwarte ich nichts mehr.»
 »Den kennen wir»: So hat es damals in Nazareth geheissen: «Dieser Jesus ist nichts besonderes. Was will er uns belehren? Er ist doch ungebildet. Und aus was für einer Familie er kommt. Schon sein Grossvater hat doch einmal ….»
Seither sind 2000 Jahre vergangen. Und es herrscht noch derselbe Ton. Erlauben Sie mir nochmals ein persönliches Beispiel, anknüpfend an den Satz von Jesu Verwandtschaft: Vor etlichen Jahren hat ein älterer Herr jemandem gesagt: «Diesen Ludin mag ich nicht. Denn sein Grossonkel hat damals meinen Vater beleidigt.» Nun, dieser Grossonkel starb viele Jahre, bevor ich auf die Welt kam. Ich kann nicht für das verantwortlich gemacht werden, was er getan hat – abgesehen davon, dass er sicher kein böser Mensch war.
Zurück zu Jesus: Er wurde abgewiesen, weil man ihn kannte. Die Leute hatten ein bestimmtes Bild von ihm. Man erlaubte ihm nicht, aus diesem Bild auszubrechen. Er musste im engen Rahmen bleiben, in den man ihn steckte.
Schon der bekannte Schweizer Dramatiker Max Frisch hat immer davor gewarnt, dass wir Bilder von den andern Menschen machen und sie nach diesem Bild beurteilen. So zum Bespiel im Theaterstück «Andorra», das vielleicht einige von Ihnen auf der Bühne oder am Fernsehen gesehen haben. Es geht um einen jungen Mann namens Andri. Er wird als jüdischer Pflegesohn einer angesehenen Familie ausgegeben. Man ist sich einig: «Er sieht aus wie ein Jude. Geht wie ein Jude. Denkt wie ein Jude.»
Alles klar! Sieht ja jeder! Und doch: Denn es stellt sich heraus, dass Andri keineswegs Jude ist, sondern der uneheliche Sohn eines höchst angesehenen Mitbürgers.» Mit seinem Stück «Andorra» zeigt Max Frisch, wie irreführend fixe Bilder sein können. Und doch klammern wir uns an sie. Nehmen wir ein Beispiel, das sich in unserem Land täglich wohl hundertfach abspielt: Ein junger Menschen namens Kupić oder Kranćić bewirbt sich um eine Lehrstelle oder um eine Arbeitsstelle. Er wird dutzendfach abgewiesen, nur weil er einen slawische Namen trägt. Man nimmt sich nicht die Mühe zu schauen, ob er vielleicht tüchtiger ist als der Hans Meier-Müller.
…. Es würde mir zwar noch einiges einfallen: Zum Beispiel, was es heute heisst, sich als Prophet unbeliebt zu machen, weil Propheten wie Jesus aufrufen zu einem neuen Lebensstil, um den Klimawandel zu stoppen.
Aber lassen wir es. Ich meine, wir haben genug nachzudenken über die Frage: Sperre ich meine Mitmenschen in einen engen Rahmen ein? Oder gebe ich ihnen die Chance, so zu sein wie sie sind? Und die Chance, sich persönlich zu entwickeln, ohne dass wir sie darin hemmen mit dem Vorwurf: «Ja, dich kenne ich. Du bist so wie du bist und kannst gar nicht anders werden.»
 

12. Juli 2015 | 01:35
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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