Gian Rudin

Der Schuh oder was unterscheidet den Menschen vom Gnu?

In jungen Jahren habe ich die Tochter meiner Patin immer bewundert, wie sie leicht-und barfüssig durch das steinige Bachbeet tänzelte. Ihre Füsse glitten harmonisch über den unwegsamen Untergrund. Auch ein bisschen Neid keimte auf. Vor mir war eine waschechte Naturbürschin. Ungezähmte Naturverbundenheit war für mich immer eher ein männliches Attribut. Dies war wohl meine erste Berührung mit dem Themenkomplex gender trouble. Die hornhautverdickte Fusssohle zeugt von der evolutionsmässigen Herkunft des Menschentieres. In der Öko-Hippie-Eso-Szene sind verschiedene Verhaltensweisen zu beobachten, wenn es darum geht, Devisen wie «Zurück zum Ursprung!» oder «Wider die Zivilisationsbarbarei» zu konkretisieren. In Schwelgerei versunkenes Bäume-Umarmen gehört wohl eher zum klischeebeladenen Ressentiment. Lapislazulihalsketten und schuhloses durch-die-Gegend-Streifen sind demgegenüber weiter verbreitet und bilden einen integralen Bestandteil alternativer Lebensentwürfe, abseites von kommerziellem Konsumklamauk. Die Frage in diesem Text lautet: Ist der Schuh als Kulturleistung zu honorieren oder Ausdruck dekadent-verweichlichter Wohlstandsallüren? Der Text wird für Ersteres plädieren, obwohl der Autor das befreiende Gefühl, im Sommer auf einer Alpweide zu stehen und den Fuss in Kuhdung zu tauchen kennt und wertschätzt.

Der Schuh ist Zwischen-Raum. Er erhöht den Menschen von seiner naturwüchsigen Verwiesenheit auf den Erdboden und signalisiert dessen Geistigkeit.

Der Mensch ist ein Wesen der Abstarktion. Wenn wir uns der lateinischen Wortwurzel des Begriffes zuwenden, stossen wir auf das Wortfeld «wegziehen, trennen». Der Mensch koppelt sich ab. Er ist nicht rein mechanisch oder biochemisch zu fassen. Codewort: Autonomie! Kultur ist Abstarktion, Gewährung von Freiräumen, die jenseits des Reiz-Reaktion-Schemas stehen, welches typisch ist für Tiere mit einem Zentralnervensystem als Koordinationszentrum bewusster Handlung. Es scheint hier fast erforderlich die rätselhaft anmutenden Ausführungen Søren Kierkegaards anzubringen, wenn er die Situation des Menschen zu beschreiben versucht: «Der Mensch ist Geist. Aber was ist Geist? Geist ist das Selbst. Aber was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält. Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit, kurz eine Synthe-se.» (Die Krankheit zum Tode). Es ist gewagt, dies alles aus ein Paar Latschen herauszulesen. Aber eine rein funktionalistische Erklärung des Schuhs vermag nicht sein Wesen zu fassen. Es ist ein Verlust für die Geisteswissenschaft, wenn sie sich nur noch auf dem Feld des Hinwegfunktionalisierens tummelt und die Wahrheitsfrage so ausblendet. In erster Linie mag es richtig sein, den Schuh aus den Erfordernissen der menschlichen Gehbewegung abzuleiten. Im Laufe der Zeit haben sich aber die Minimalansprüche ans Schuhwerk ausgedehnt. Nehem wir als Beispiel den Absatz. Ursprünglich in der militärischen Körperhaltungslogik beheimatet, hat er einen ungeheuren Siegeszug an den Tag gelegt. Der Absatz hat einen wesentlichen Einfluss auf die Inszenierung des Körperbildes. Leicht zu demonstrieren an der runden Üppigkeit des Weiblichen. Der Absatz bewirkt ein künstliche Stilisierung von Busen und Lenden. Dadurch wird der Geschlechterunterscheid Plakatreif. So kann es denn auch sein, dass der Absatz am Frauenschuh eine abstruse Höhe erreicht. So wird die ursprüngliche Intention der Erleichterung des Ganges ins Gegenteil pervertiert. Der Schuh wird zum Machtsymbol. Durch ihn zelebriert die Frau ihre sexuelle Verführungsgewalt und der Mann wird zum untertänigen, winselnden Wollustwürstchen. So ist es denn auch zu verstehen, warum Simone de Beauvoir den Emanzipationsgrad einer Frau an ihrem Schuhwerk erkennen will. Diese rein negativen Konnotationen haben sich aber geändert. Heutzutage gilt Frauen der Schuh als Ausdruck eines stilbewussten Lebensgefühls und hat er hat einen Eigenwert, fernab der Männerwelt. Hochhakige Absätze und Lidschatten sind Zier einer autonomen Ästhetik. Sie unermauern die Schönheit des menschlichen Leibes. Christian Louboutin ist derzeit wohl der wichtigste kulturschaffende Frauengekreischeerzeuger. Seine Kreationen bewegen sich dann auch in den Höhen menschlicher Kretivitätskompetenz (siehe Link). Der Jugendtrend der (neon)farbigen, grellleuchtenden und aufmerksamkeitserheischenden Sneakers lässt sich ebenfalls im Bereich des Ästhetischen verorten. Mag sein, dass auch eine gesundheitsbewusste Gangart eine Rolle spielt, aber ebenso wichtig ist, dass man die Schuhe dann auch mit Gürtelfarbe oder T-Shirt-Schnitt kombinieren kann. Der Mensch wird so zum lebenden Kunstwerk.

Der Schuh ist ein Phänomen des Überschusses. Er bekundet die Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen, das den reinen Zweck übersteigt.

Aber wenden wir uns nun dem Titel zu. Ein Reim allein macht noch keinen Sonnenschein. Das Gnu, diese Antilopenunterart ist Prototyp des Herdentieres. Das Serengeti-Weissbartgnu hat einen nur wenig ausgeprägten Sexualdimorphismus (Die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale) und es wäre daher für die Weibchen wenig zielführend mit Stöckelschuhen zu kokettieren. Sein Lebensraum ist auch nicht ein urbanes Zentrum wie Budapest, wo auch der gleichnamige Schuhtyp herstammt, sondern die Savanne. Die Weitläufigkeit der Steppe macht die Gnus zu umherziehenden Wandergesellen. Aber ihre Bewegungen sind zyklisch und von der Regenzeit und phosophorarmen Gräsern bestimmt, daher ähneln sie nicht dem linearen Lebenszeitverlauf eines menschlichen Individuums. Das Leben eines Gnus muss einem mundharmonikaspielenden Innenarchitekten öde erscheinen. Trotten, fressen, lagern. aber auch das Sich-Niederlegen des Gnus ist nicht Selbstzweck und Müssiggang. Gnus rasten meist sternförmig, Rücken an Rücken. Eine Abwehrstrategie, um bei einem potentiellen Hyänenangriff gewappnet zu sein und turbulenzenlos zu fliehen, ohne sich in die Quere kommen. Die Existenz des Gnus ist ein renaturalisierter Sozialdarwinismus. Permanente Wachsamkeit, Zeit für Tanz und Trank bleibt da nicht. Henry David Thoreau, der mit seinem Buch «Walden; or, Life in the Woodsder alternativen Lebensform des in die Natur zurückgezogenen Sinnsuchers ein Denkmal gesetzt hat, schrieb auch ein Buch übers Wandern. Im Scheinwerferlicht steht dabei das englische Verbum to saunter. Geeignete Übersetzungsmöglichkeiten wären: schlendern, flanieren, umherschweifen, vagabundieren oder zuckeln. Die Fortbewegung ohne Hast und Ziel zeichnet gemäss Thoreau den naturverliebten Wanderburschen aus. Seitenpfade aufspüren. Sich verweilen. Vom Weg abkommend seinen Weg bahnen. Die Fülle des Lebens geniessen. Trotz all dieser Bewunderung für die Unverblümtheit der Natur sind die von Thoreau beschriebenen Tätigkeiten zutiefst kulturell. Sie entspringen dem Freimut des menschlichen Geistes und setzten die selbstbewusste Abstraktion vom Erdreich voraus. Das Gnu schlendert nicht. Es hetzt vom gierigen Schlund des Feindes davon.

Der Schuh lässt die pilgernde Ruhelosigkeit des Menschen sichtbar werden.

Es ist daher bezeichnenend, dass beim Eintritt in eine Moschee, die Schuhe ausgezogen werden. Irgendwann endet die Wanderschaft des Menschen. Unserer Hoffnung gemäss jedoch nicht in der kalten Anonymität einer kleinräumigen Urne, sondern in der durchleuchtenden Wärme und Weite des sich im brennenden Dornbusch offenbarenden Gottes. «Als aber der HERR sah, daß er hinzutrat, um zu sehen, rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich! Da sprach er: Komm nicht näher herzu! Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehest, ist heiliges Land!» (Exodus 3, 4-5).

 

 

Schuhe, wild © Rudin, Gian
21. September 2016 | 05:09
von Gian Rudin
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