Der «Preis» der Hinwendung der Kirche zu den Armen
In Medellín konnten lateinamerikanische Bischöfe bei ihren Beratungen auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie in verschiedenen Ortskirchen im Einsatz für die Armen seit den fünfziger Jahren gemacht hatten. Dadurch ermutigt wollte die Bischofsversammlung bewusst den eingeschlagenen pastoralen Kurs weiter verfolgen. Entscheidend war nun aber, dass sich die (lateinamerikanische) Kirche formell als ganze dazu verpflichtete. So empfahl die Bischofskonferenz, «dass sich in Lateinamerika immer leuchtender das Gesicht einer wirklich armen, missionarischen und österlichen Kirche zeige, losgelöst von aller zeitlichen Macht und mutig engagiert in der Befreiung des ganzen Menschen und aller Menschen.» Die Konferenz von Medellín hat zu einer starken Identifikation mit jenen Orientierungen geführt, welche das Konzil vorgab. So lässt sich im zentralen Dokument 14 «Armut der Kirche» unschwer jener Geist wiedererkennen, wie er im «Katakombenpakt der dienenden und armen Kirche» zu finden ist. Der von vierzig Bischöfen in der Domitilla-Katakombe am 16. November 1965 unterzeichnete «Katakombenpakt der dienenden und armen Kirche» – darunter finden sich die Namen verschiedener Lateinamerikaner u.a. von Dom Helder Camara, Antonio Fragoso, Aloisio Kardinal Lorscheider, Enrique Angelelli, Samuel Ruiz, Leonidas Proaño, Manuel Larraín – war eine Selbstverpflichtung, die gerade hier von nachhaltiger Wirkung werden sollte.
Die entschiedene Parteinahme der Kirche für die Armen führte zu zahlreichen gesellschaftlichen, aber auch kirchlichen Konflikten, ja sie kostete sehr vielen Christinnen und Christen sogar das Leben, weil die Konfrontationen mit den Mächtigen und deren Interessen nicht ausbleiben konnten. Solche Konflikte waren vielmehr absehbar und haben in der Tat einige vor einer konsequenten Hinwendung zu den Armen abgeschreckt und oft zur schweigenden Komplizenschaft auch mit Diktaturen geführt. Genauso entstanden neue «Allianzen»; es kam zu einer «Ökumene der Leidenden», welche der Kirche neue Glaubwürdigkeit gab. Bischöfe, Priester, Ordensleute und zahlreiche Laien, die sich für Gerechtigkeit engagierten, wurden als «Agitatoren» und «Kommunisten» verketzert und verfolgt und viele von ihnen erlitten das Martyrium. Dass solche Verleumdungen innerhalb der Kirche selbst ausgesprochen wurden, gehört mit zur bitteren Wahrheit dieses Aufbruchs, die nicht unterschlagen werden darf. War Medellín Zeit prophetischer Stimmen, so die Zeit danach jener von bekannten und namenlos gebliebenen Märtyrern.
(Giancarlo Collet)
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