Der Papst und die neuen Götzen (des Geldes)
Wider den Fetischismus des Geldes Papst Franziskus an die Botschafter von Kirgisien, von Antigua und Barbuda, des Grossherzogtums Luxemburg und von Botswana
Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des Goldenen Kalbes aus der Antike (vgl. Ex 32, 15-34) hat ein neues und herzloses Bild im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur der Wirtschaft ohne menschliches Antlitz und ohne echte menschliche Zielsetzung gefunden.
Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise scheint diese Deformation offenkundig zu machen. Ausschlaggebend dafür ist aber vor allem, dass eine anthropologische Orientierung fehlt, weil der Mensch auf ein einziges Bedürfnis reduziert wird, nämlich auf den Konsum. Schlimmer noch, die Menschen selbst werden heute als Konsumgüter betrachtet, die genutzt und weggeworfen werden können. Wir haben eine Wegwerf-Kultur begonnen. Diese Deformation bestätigt sich individuell und gesellschaftlich – und wird sogar noch gefördert! In diesem Zusammenhang wird die Solidarität, der Schatz der Armen, oft als kontraproduktiv und gegensätzlich zur Logik der Finanzen und der Wirtschaft angesehen.
Während das Einkommen einer Minderheit exponentiell zunimmt, muss die Mehrheit mit immer weniger auskommen. Dieses Ungleichgewicht resultiert aus Ideologien, die die absolute Autonomie der Märkte und Finanzspekulationen hochhalten, und auf diese Weise zugleich das Kontrollrecht der Staaten infrage stellen, denen immer noch die Sorge für das Gemeinwohl obliegt.
Eine neue, unsichtbare und manchmal virtuelle Tyrannei wird installiert, eine Tyrannei, die einseitig und obligatorisch ihre eigenen Gesetze und Regeln durchsetzt. Darüber hinaus entfernen Verschuldung und Kredite Länder von ihrer realen Wirtschaft und Bürger von ihrer wirklichen Kaufkraft. Hinzu kommen die um sich greifende Korruption und die egoistische Steuerhinterziehung, die weltweite Dimensionen angenommen haben. Die Besessenheit von Macht und Besitz ist grenzenlos geworden.
Hinter einer solchen Haltung verbirgt sich die Verweigerung ethischen Verhaltens, die Verweigerung Gottes. Ethik stört – wie die Solidarität! Sie wird als kontraproduktiv angesehen, als zu menschlich, weil sie Geld und Macht relativiert; sie wird als Drohung empfunden, weil sie sich der Manipulation und der Unterwerfung des Menschen verweigert. Denn die Ethik führt zu Gott, der in Marktkategorien nicht erfasst werden kann. Gott wird von diesen Finanz- und Wirtschaftsleuten sowie von diesen Politikern als nicht lenkbar, ja sogar als gefährlich wahrgenommen, weil er den Menschen dazu aufruft, sich selber voll zu verwirklichen und sich von jeder Form der Sklaverei frei zu machen. Die Ethik – natürlich nicht die Ethik dieser Ideologie – macht es meiner Meinung nach möglich, eine ausgewogene, menschlichere Gesellschaftsordnung zu schaffen. In diesem Sinne spreche ich den Finanzexperten und den politischen Führungskräften für ihre jeweiligen Länder den Mut zu, die Worte des Heiligen Johannes Chrysostomus zu bedenken: «Die eigenen Güter mit den Armen nicht zu teilen, bedeutet sie ihres Lebens zu berauben und ihnen das Leben zu nehmen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen» (Homélie sur Lazare, 1, 6: PG 48, 992D).
Liebe Botschafter, es bedarf einer Finanzreform nach ethischen Grundsätzen, die ihrerseits eine Wirtschaftsreform nach sich zieht, die allen dient. Dafür ist allerdings eine mutige Änderung in der Einstellung der politisch Verantwortlichen notwendig. Ich fordere sie auf, diese Herausforderung mit Entschlossenheit und Weitsicht anzunehmen, natürlich unter Berücksichtigung ihrer jeweils besonderen Situationen. Geld soll dienen, nicht herrschen! Der Papst liebt alle Menschen, die reichen und die armen, aber der Papst hat im Auftrag Christi die Pflicht, daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen behilflich sein, ihnen Respekt und Förderung zukommen lassen müssen. Der Papst ruft dazu auf, in der Finanz- und Wirtschafts-Welt uneigennützige Solidarität zu üben und zu einer Ethik, die den Menschen dient, zurückzukehren. (Auszüge)
Volltext in der Zeitschrift Neue Wege: http://neuewege.ch/icc.asp?oid=9438
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


