Der Papst, Jean Ziegler und die «kannibalistische Weltordnung»
(Schluss meines ite-Gesprächs mit Jean Ziegler)
Ähnlich wie in der FAZ wird Papst Franziskus von Welt-Online kritisiert. Er habe gewagt, zu sagen: «Kapitalismus tötet.» Franziskus wäre zwar «ein ganzer Kerl». Doch er hätte den obigen Satz «besser nicht gesagt». Stattdessen wäre ein Halleluja für die «Antriebskraft des Kapitalismus» angebracht gewesen, «der eben doch die Menschen aus der Armut katapultiert, was die globale Entwicklung der letzten Jahre eindeutig beweist. Ein Lob der Marktwirtschaft aus seinem Munde, das hätte der Welt gut getan.»
Wir haben eine kannibalistische Weltordnung. Der Wirtschafts- und Sozialrat der UNO (ecosoc) nimmt alle Jahre im Juni in New York die Geschäftsberichte der 22 Spezialorganisationen der UNO entgegen: also die Bilanz des Kampfes gegen Epidemien, vergiftetes Trinkwasser, Hunger und Bürgerkriege, die ihre Ursachen in der Armut haben. An diesen Plagen sind in der südlichen Hemisphäre letztes Jahr 52 Menschen zugrunde gegangen. 52 Millionen Tote in einem Jahr! Das sind fast so viele Tote, wie der Zweite Weltkrieg in mehr als fünf Jahren forderte …
In einem Jahr gibt es wegen Armut und Elend 52 Millionen Tote – fast so viele, wie der Weltkrieg in mehr als fünf Jahren forderte.
Diese kannibalistische Weltordnung wird beherrscht von den 500 grössten transkontinentalen Privatkonzernen, die letztes Jahr ohne staatliche Kontrolle – und zwar völlig legal – 52,8 Prozent des weltweiten Brutto-Sozial-Produkts kontrollierten: also alle produzierten Reichtümer (Waren, Kapitalien, Dienstleistungen, Patente …) Diese Konzerne haben mehr Macht als jeder König oder Kaiser jemals in der Weltgeschichte hatte. Ihre einzige Strategie ist – ebenfalls völlig legal – die Profitmaximierung.
Papst Franziskus fordert in seinem Schreiben eine «solidarische Gewohnheit, die uns in Fleisch und Blut übergeht». Diese Worte können Sie sicher unterschreiben?
Von Solidarität sind wir noch Lichtjahre entfernt. Es herrscht immer noch das absurde Prinzip der Konkurrenz. Schon in der Schule! Ein elfjähriger Nachbarbub erzählte mir kürzlich stolz, er sei vor der ganzen Klasse vom Lehrer gelobt worden: «Du hast gute Noten gemacht, nicht so wie jener da hinten.» «Jener» war ein Kind von Eltern aus dem Kosovo, die wegen ihrer sozialen Lage ihn nicht fördern können. Ich habe meinem jungen Nachbarn den Unsinn lange erklären müssen …
Solches Konkurrenzdenken ist die Perversion schlechthin. An seine Stelle muss Reziprozität treten: die Einsicht, dass wir alle voneinander abhängig sind. Und Komplementarität: die Überzeugung, dass wir einander ergänzen und helfen müssen. Oder eben: Solidarität! Oder noch besser: Liebe!
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