Markus Baumgartner

Der mutige Pfarrer

Pfarrer Peter Kossen ist ein Mann des klaren Wortes. Unerschrocken setzt er sich für Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen ein. Der römisch-katholischer Priester kämpft seit Jahren aktiv gegen moderne Sklaverei und für faire und würdige Arbeitsbedingungen. Jetzt wurde er mit einer Fleischfabrik zum Medienereignis.

Pfarrer Peter Kossen prangert unwürdige Bedingungen in der Arbeitswelt an und fordert gerechte Entlohnung – dies aus einer christlichen Überzeugung. Er protestiert vor Werkstoren und vergleicht Unternehmer mit Sklavenhaltern. Der Pfarrer von Lengerich bei Osnabrück setzt sich für Arbeitsmigranten ein und scheut dabei keine Konflikte. Er arbeitet in einer Gegend mit vielen Arbeitsmigranten: In Lengerich wohnen 23’000 Menschen, davon sind rund 1100 aus Osteuropa. Etwas weiter nördlich, im Oldenburger Münsterland mit den vielen Schlachtereien sind es knapp 15’000 Personen aus diesen Ländern. Sie erledigen das, was sonst oft keiner mehr machen will. 60 Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche auf engstem Raum an Fliessbändern sind keine Seltenheit. In vollen Bussen werden die Arbeiter zu und von der Arbeitsstelle gekarrt. Zudem sind sie mit zu vielen Personen in einer Wohnung untergebracht. Kossen: «Das sind Sammelunterkünfte, Schrottimmobilien, Bruchbuden, die vollgestopft werden.»Nicht wenige Arbeitgeber sind ziemlich findig darin, den Mindestlohn auszuhebeln, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Warnung schon seit Wochen

Der 51-Jährige katholische Sozialpfarrer und Menschenrechtler spricht Klartext von Menschen, die wie Konsumgüter gebraucht und weggeworfen werden – als Leiharbeiter oder als Beschäftigte in Werkverträgen. Kossen kennt die Verhältnisse aus Gesprächen mit Betroffenen, mit Gewerkschaftern – und mit seinem Bruder, der als Arzt viele Arbeitsmigranten behandelt. Schon seit Wochen warnt er eindringlich vor massenweisen Corona-Infizierungen von Arbeitsmigranten in Grossbetrieben. Und dass der Pfarrer damit Recht behalten sollte, hat sich nun mit dem Corona-Ausbruch unter den Beschäftigten bei der Firma Westfleisch gezeigt, einem der drei grössten Fleischverarbeiter Deutschlands: Über 250 von rund 1200 Mitarbeitern waren positiv auf das Coronavirus getestet worden. Kossen erklärt, dass die beengt lebenden und körperlich ausgelaugten Arbeiter dem Virus nicht viel entgegenzusetzen hätten. Sein Bruder, der Arzt, erlebt in seiner Praxis Schreckliches: verätzte

Körperteile, Schnittverletzungen, hartnäckige Atemwegserkrankungen und Totalerschöpfung. 

«Moderne Sklaverei beenden» 

Kossen demonstrierte kürzlich drei Stunden vor dem Werkstor der Firma mit einer angemeldeten «Ein-Mann-Demo» gegen die Arbeitsbedingungen in Fleischfabriken und Schlachthöfen. Das Plakat lautete ganz nach Kossen-Art: «Moderne Sklaverei beenden». Das brachte auch die Medien auf den Plan. Mit einer derartigen Resonanz hat Peter Kossen aber nicht gerechnet. So schrieb die Lokalzeitung «Westfälische Nachrichten» gross über das Ereignis und führte ein Interview mit dem Pfarrer. Auch «WDR», «Der Spiegel», «Die Zeit» und andere Medien auch in der Schweiz berichteten darüber. Früher schon machte ARD eine Doku über ihn und das Magazin Focus brachte ein Porträt. 

Pfarrer Kossen spricht daher Klartext: Das, was viele Arbeitsmigranten erlebten, sei eine Variante moderner Schuldsklaverei. Schon weil die Betroffenen oft lange gegen die Beträge anarbeiteten, die ihnen in Rechnung gestellt würden – für die Vermittlung nach Deutschland, für die Unterbringung, für den Transport zur Arbeit. Er habe gelernt, dass man die Dinge beim Namen nennen müsse, wenn man etwas erreichen wolle. «Das Drumherum-Reden ist ermüdend für alle Beteiligten.» Kossen ist fast so etwas wie der Don Camillo von Lengerich.

Sensibilisierung im Studium

Das Thema Gerechtigkeit wurde ihm während seines Theologiestudiums wichtig. Personen wie der Priester Adolph Kolping haben ihn beeindruckt. Kolping, einer der Wegbereiter der katholischen Sozialbewegung, habe Menschen stark gemacht aufzubegehren, sagt Kossen. Das gefiel ihm. Selber hat Kossen 2019 zusammen mit anderen den Verein «Aktion Würde und Gerechtigkeit» gegründet. Der soll Arbeitsmigranten dabei helfen, ihre Rechte durchzusetzen. Seine Hoffnung: Vielleicht lohnt es sich irgendwann einfach nicht mehr, mit Arbeitsmigranten so umzugehen, wie es jetzt geschieht. 

Bild Quellen stensen.de
18. Mai 2020 | 22:10
von Markus Baumgartner
Teilen Sie diesen Artikel!