Demokratie in der Kirche
Das Pastorale Konzil in den Niederlanden von 1966 bis 1970, das die Beschlüsse des Vaticanum II für diese Teilkirche übersetzen wollte, sorgte weltweit für Diskussionsstoff. Heute gehört es zur beinahe vergessenen Nachgeschichte des Konzils. Vergessen wird damit auch, dass die Niederländischen Bischöfe auf ihrer Nationalsynode ein neues Kirchenmodell ausprobieren wollten. Das Amt entschied sich dabei bewusst für den Weg nach unten, um so die Distanz zwischen Hierarchie und Gläubigen zu überwinden: nicht mehr ein lineares Hirte-Herde Abhängigkeitsverhältnis also, sondern der institutionalisierte Dialog zwischen allen. Das sei allerdings ganz in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie die Bischöfe nicht müde wurden zu betonen. Sie beriefen sich insbesondere auf Lumen Gentium. Darin sei ein Kirchenbild beschrieben, das geeignet sei, so Bernardus J. Kardinal Alfrink, «um zwischen hierarchischen und demokratischen Strukturen die rechte theologische Balance zu suchen, was gleichzeitig ein optimales Funktionieren der Kirche erlaube.» Auch der Konzils-Peritus Joseph Ratzinger fragte 1970 in einer Aufsehen erregenden Studie nach den Möglichkeiten und Grenzen einer innerkirchlichen Demokratisierung.
Der niederländischen Suchbewegung allerdings wurde nicht zuletzt durch römische Interventionen ein schnelles Ende bereitet. Zu denken ist an die Auseinandersetzung um dem so genannten Holländischen Katechismus oder an die Einsetzung von konservativen Bischöfen nach dem niederländischen Pastoralen Konzil. Der Konflikt hatte freilich auch mit dem ambivalenten Charakter der Texte des Vaticanum II selbst zu tun. So wird etwa im ersten Kapitel von Lumen Gentium unter Bezug auf die Enzyklika Mystici corporis von Pius XII. aus dem Jahr 1943 die Kirche als mystischer Leib Christi beschrieben. Demokratische Strukturen sind aber wohl nur in einer Kirche denkbar, die sich selbst als Volk Gottes versteht – so wie im zweiten Kapitel der Kirchenkonstitution.
(Stefan Gärtner)
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