Walter Ludin

«Dem ärmsten Luder wurde er Bruder.»

Gott ist zu uns gekommen: Dieser kurze, sehr einfache Satz drückt das Wesentliche von Weihnachten aus.
Gott kam zu uns – wurde einer von uns. Oder wie es Papst Franziskus vor einigen Tagen in einer seiner berühmten Frühmesse-Ansprachen formuliert hat: «Gott ist in unsere Geschichte eingetreten, die eine Geschichte von Heiligkeit und Sünde ist.
Ich bin beim Lesen über das Wort Sünde gestolpert. Gott ist auch in den sündigen Geschichten der Menschheit anzutreffen. Hat sich der Papst da nicht etwas unvorsichtig ausgedrückt?
 
Schauen wir die Fakten an. Nach den biblischen Erzählungen waren die Hirten die ersten, die an die Krippe Jesu kamen. Wer waren diese Leute? Wir denken vielleicht an den «Guten Hirten», der sein Leben hingibt für seine Schafe. Dies ist die eine Seite. Die andere sieht ganz anders aus. Viele damalige Hirten waren raue Kerle, Raubeine, die wohl einige Ähnlichkeiten mit den heutigen Rockern hatten; rasch zu einer Schlägerei bereit.
Mit solchen Leuten hatte Jesus in seinen ersten Stunden des Lebens zu tun. Ich denke da an den Buchtitel eines alten Bekannten von mir, des Wiener Schriftstellers Adolf Holl: «Jesus in schlechter Gesellschaft».
Zeit seines Lebens war Jesus sehr oft in «schlechter Gesellschaft». Er hat die Nähe gesucht zu den Ausgestossenen, zu Menschen, denen ein «anständiger» Mensch aus dem Weg ging.
Lothar Zenetti, der berühmte deutsche Pfarrer und Schriftsteller hat darum mit Recht den Reim gedichtet: «Dem ärmsten Luder wurde er Bruder.»

An diesen Vers habe ich gedacht, als ich kürzlich an einem freien Tag John Steinbecks Kurzroman las «Die Strasse der Ölsardinen». Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Männern, die in einer heruntergekommenen Hütte wohnen. Es sind Gelegenheitsarbeiter und Gelegenheitsdiebe. Wer Steinbeck kennt und seine Bücher und deren Verfilmungen «Von Menschen und Mäusen» und «Früchte des Zorns» weiss: Der US-Amerikaner hatte eine besondere Sympathie für Menschen, denen es mies ging.
Dies zeigt sich auch in der Geschichte, die ich gelesen habe. Ziemlich am Anfang nennt John Steinbeck die erwähnten Männer und ihre Umgebung: «Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer- es kommt nur auf den Standpunkt an.»
 
Ja, es kommt nur auf den Standpunkt an; oder wohl besser gesagt: um unsere innere Einstellung: Sind wir bereit, hinter der unschönen Fassade die liebebedürftigen Menschen zu erkennen?
Jesus ist dies gelungen. Und damit sind wir wieder bei Weihnachten: Gott ist zu uns gekommen: zu uns sündigen Menschen und auch zu solchen, die vielleicht noch ein bisschen sündiger sind als wir.  Er hat sie alle ohne Vorurteile angenommen – und dabei ihre Menschlichkeit und Liebenswürdigkeit entdeckt.
 
Ich hatte einmal ein ähnliches Erlebnis, und dies ausgerechnet an Weihnachten. Vor einigen Jahren haben wir bei uns im Kloster Wesemlin die «Suppestübler» eingeladen: die Bettler, die bei uns zu essen bekommen. Ich sass gegenüber von Hans, auch er ein Gelegenheitsarbeiter, der zum Beispiel einige Zeit Elefantenpfleger war. Spontan erzählte er mir, er sei ein paar Mal im Gefängnis gewesen: «Weisst du, nichts Schlimmes: kleine Betrügereien mit Kreditkarten oder Zechprellereien; ich wollte es auch einmal schön haben.»

Hans hat öfter im Kloster von sich aus mitgeholfen und kleinere Arbeiten übernommen. Als er todkrank war, zog er sich in sein kleines Zimmer zurück. Er wollte niemandem zur Last fallen. Er, ein kleiner Gauner und sehr liebenswürdiger Mensch!
 
L. Die raubeinigen Hirten; die Ganoven von Steinbeck; Hans von unserer Suppenstube: für Jesus waren solche Menschen die Lieblinge Gottes.
Dies ist für uns nicht nur eine Einladung, die Menschenwürde von scheinbar Unwürdigen zu entdecken. Es ist auch die Frohe Botschaft: «Du bist von Gott geliebt, auch wenn du klein und schwach bis: vielleicht arbeitslos, pflegebedürftig, wenn du zum alten Eisen gehörst, in Beruf oder Ehe gescheitert.
Die ehemalige lutheranische Bischöfin Margot Kässmann bemerkte dazu kürzlich in einem Interview: «Das ist eine gigantische Nachricht in einer Gesellschaft, die nur auf Konsum aus ist, auf Geldverdienen, auf schönes Aussehen.»
Diese «gigantische Nachricht» ist die Nachricht von Weihnachten.
Müswangen im Luzerner Seetal, Weihnachtstag 9.30 Uhr

25. Dezember 2013 | 01:28
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
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