Walter Ludin

Das Brot miteinander teilen: der Weg zu unserem Glück

(Ich nenne zuerst die neue Deutung des Wunders von der Brotvermehrung: Es gelingt Jesus, die Leute zum Teilen ihres geheimen Proviantes zu motivieren.)
 Stellen wir uns vor: Auch heute gelänge es jemandem, die Reichen – auch die reichen Länder – dazu zu bringen, auf ihren Überfluss zu verzichten und diesen für die Armen zur Verfügung zu stellen. Seien wir ehrlich: Dies wäre doch ein grosses Wunder; ein Wunder, das die Welt verändern würde.
Eine solche Deutung hat auch eine praktische Seite: Statt über die geheimnisvollen Wunderkräfte Jesu unverbindlich zu staunen, lädt sie uns zum Teilen ein. So wie es in einer andern Version der Brotvermehrung heisst: «Jesus forderte die Jünger auf: Gebt ihr ihnen zu essen.
Dann würde auch das Wort von Gandhi wahr: «Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.»
Leider regiert heute weitgehend die Gier unsere Welt. Papst Franziskus wird nicht müde, in seiner Sozial- und Umweltenzyklika dies zu betonen. Er klagt eine Wirtschaft an, die unendliches Wachstum anstrebt, obwohl die Welt und ihre Ressourcen endlich sind. Und er erinnert daran, dass unsere Gesellschaft eine Konsumgesellschaft ist, die Dinge bis zum Überfluss konsumiert. 
Die in Kriens lebende Dichterin Anke Maggauer-Kirsche drückt dies prägnant in einem ihrer neusten Gedichte aus:
wir wollen mehr
wir wollen noch mehr
und wenn’s geht
noch mehr
wir vergessen nur eins
es gibt nicht mehr
und wenn wir dies
vermasseln
gibt’s uns nicht mehr
Kehren wir zurück zur Aufforderung Jesu, unser Brot miteinander zu teilen. Ich wage zu behaupten: Erst wenn wir dies tun, finden wir zu unserem Glück.
Sie kennen vielleicht die Kurzgeschichte, in welcher ein Besucher Hölle und Himmel besichtigt. In der Hölle sitzen Menschen, die an ellenlangen Löffeln angekettet sind. Sie schöpfen damit Suppe aus einem Topf. Weil die Löffel zu lang sind, gelingt es ihnen nicht, damit ihren Mund zu erreichen. So müssen sie hungern. Denn jeder schaut nur für sich selbst.
Der Besucher geht durch den Himmel. Hier das gleiche Bild, Menschen mit langen Löffeln. Doch diese geben damit jenen, die ihnen gegenübersitzen, zu essen. So werden alle satt, weil alle füreinander sorgen.
Wer teilt, wird glücklich. Wer gibt, dem wird auch gegeben, hat schon Jesus gesagt. Dazu am Schluss eine wahre Geschichte, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs abspielte. Die Österreicherin Johanna Preissler hat sie erzählt:
Als Heimatvertriebene war sie auf einem Bauernhof untergebracht. Eines Tages geht sie ins Dorf, um ein Zweipfund-Brot zu kaufen. Auf dem Heimweg geht sie an einem Lager für Kriegsgefangene vorbei, weil sie hofft, dort ihren Mann zu finden. Hören wir ihre eigenen Worte:
«Die Kriegsgefangenen starrten mich an, als ich den Zaun entlang ging. Plötzlich wusste ich warum: Sie sahen das Brot in meiner Hand. Da konnte ich plötzlich nicht anders: Ich nahm das Brot und warf es über den Stacheldraht. Die Männer stürzten sich darauf und assen es heisshungrig. Mit leeren Händen kehrte ich heim. In mir spürte ich eine Stimme, die sagte, dass es so richtig war. Doch was sollte ich heimbringen?
Nichts! Als ich den Hof betrat, winkte mir die junge Bäuerin. «Wir haben eben gebacken.» Sie nahm mich beiseite und drückte mir – ohne dass sie etwas wusste von dem, was ich getan hatte – einen Fünf-Pfund-Brotlaib in die Hand. Es war gutes Bauernbrot. Da wusste ich, dass das Evangelium wahr war.
Nur noch ein Satz: Wagen auch wir es, das Evangelium vom Teilen ernst zu nehmen, um unser Glück zu finden.
Buchrain LU So 10 Uhr

25. Juli 2015 | 18:28
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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