«Christlicher» Staat ...
… verordnet RutenstreicheMit Recht schauen wir mit Abscheu auf islamisch geprägte Staaten, die Prügelstrafen u.ä. kennen. Doch wir sollten darob nicht vergessen, dass es so was auch bei uns gab, zum Beispiel im christlich geprägten Kanton Luzern. Dazu Markus Ries:»In der Botschaft zum Armengesetz von 1857 schrieb der Regierungsrat, man müsse «der bisherigen Ansicht der Unterstützten, als hätten sie ein wohlerworbenes Anspruchsrecht auf Armenunterstützung, kräftig entgegentreten» (Bossard- Borner, Spannungsfeld S. 561). Ausdrücklich sprach sie von «böswilliger und selbstverschuldeter Armut», und wusste auch die Ursachen zu benennen: «Genusssucht, Sittenlosigkeit, Verschwendung, Trägheit, vernachlässigte Schul- und Selbstbildung». Wer sich den Anordnungen von Gemeindebehörden widersetzte, sollte wenn nötig mit Gewalt zur Raison gebracht werden. Das Gesetz dieses demokratischen, christlichen Staates sah körperliche Züchtigung vor: Rutenstreiche! Liberal und Konservativ, Geistlich und Weltlich standen allesamt hinter diesem Gesetz. Eine einzige humanitäre Variante gab es: Statt auf den nackten Rücken konnte die Peitsche auch auf die Unterarme geschlagen werden, wenn es sich bei den renitenten Bedürftigen um Frauen oder um Kinder unter 15 Jahren handelte. Frauen und Kinder – 1857 – bei uns von Gesetzes wegen ausgepeitscht. Hier wird deutlich: Ziel war es nicht, Bedürftigen zu einer menschenwürdigen Existenz zu verhelfen, Ziel war es vielmehr, durch Abschreckung «selbstverschuldete» Armut zu verhindern und das Gemeinwesen zu entlasten. Der Effekt übrigens stellte sich tatsächlich ein, aber nicht wegen des Gesetzes, sondern als Folge eines Wirtschaftsaufschwunges: Die Leute hatten zuvor nicht gearbeitet, weil es gar keine Arbeit gab.»
Man bedenke: Dies alles ist noch gar nicht so lange her. Die Ältern von uns hatten Grosseltern, die zu jener Zeit schon gelebt haben. Eine meiner Grossmütter wurde 1871 geboren. Damals war das erwähnte Gesetz wohl noch in Kraft.
Und noch was: Wer von «Sozialschmarotzern» spricht, sollte die Folgerungen von Markus Ries im obigen Text bedenken.
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