Walter Ludin

«Christliche Theologen verstehen die Palästinenser nicht» (Mitri Raheb)

Auch aufgeschlossene Theologen haben kein Verständnis für die Lage der Palästinenser. Dies beklagt der palästinensische Theologe Mitri Raheb. Er wirft den westlichen Theologen vor, mental im Zeitalter des Nationalsozialismus stehen zu bleiben. Darum hätten sie nicht bemerkt, dass «der Staat Israel, der Staat der entrechteten Juden Europas, heute zur achtgrössten militärischen Weltmacht geworden ist; dass die von Israel verursachten Menschenrechtsverletzungen zum Himmel schreien, nehmen sie überhaupt nicht wahr.»
Im Gespräch mit der Zeitschrift «Neue Wege» wirft er den Theologen vor, auf den Staat Israel «eschatologische Züge zu projizieren und ihm damit zu ermöglichen, die Besatz aufrecht zu erhalten, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen».
Die Palästinenser würden heute unter dem gleichen Kontext leben wie das Volk Israel die meiste Zeit gelebt hat: nämlich unter der Besatzung. Er erinnert auch daran, dass in Palästina während vielen Jahrhunderten Juden und Araber friedlich miteinander gelebt haben. Mit dem Zionismus wurde es ganz anders: «Plötzlich wurden die Leute im Land als die Fremden gesehen. Man erkannte keine Gemeinsamkeiten mehr mit den Palästinensern, mit den Arabern. Es galt, sie zu vertreiben.»
PS: Ein anderes Thema: In der Auseinandersetzung mit dem Islam und der Geringerstellung der Frauen wird auf die diskriminierende Tatsache hingewiesen, dass Frauen nur 50 Prozent des Erbes der Männer bekommen. Dieses Erbrecht hat nicht religiöse, sondern kulturelle Wurzeln. Denn auch seine Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) kenne diese Regelung (das Erbrecht ist im Nahen Osten keine staatliche, sondern eine kirchliche Domäne). Anfang 2015 werde darüber in der Synode diskutiert.
 

13. Januar 2015 | 01:09
von Walter Ludin
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