Briefe brechen das Eis
Am Beginn von grossen Veränderungen stehen häufig kleine und bescheidene Gesten. Eine solche bahnbrechende Geste war der Glückwunschbrief des Metropoliten Maximos von Sardes an Papst Paul VI. vom 9. September 1963, in dem der Metropolit dem Papst im Namen des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras zu seiner Wahl gratulierte. Was aus heutiger Sicht wie eine Selbstverständlichkeit anmutet, war ein kleiner, aber bemerkenswerter Schritt, der die Funkstille zwischen römisch-katholischer Kirche und den orthodoxen Kirchen zu beenden half. Beide Kirchen hatten sich in einem jahrhundertelangen Entfremdungsprozess auseinander gelebt und – wenn überhaupt – nur polemisch aufeinander bezogen. Diese Zeit des gegenseitigen Misstrauens und der Polemik beendeten Briefe und Telegramme; der Anstoss dazu kam von Patriarch Athenagoras, als er im Oktober 1958 anlässlich des Todes von Papst Pius XII. und der Wahl von Johannes XXIII. mit drei Deklarationen eine erste freundliche Geste in Richtung Rom sandte. Auf den Brief des Metropoliten von Sardes reagierte Papst Paul VI. am 20. September 1963 mit einer Premiere: mit einem persönlichen Brief an Patriarch Athenagoras. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten wandte sich ein Papst wieder direkt an Konstantinopel. Das Eis zwischen Ost und West war somit gebrochen und der «Dialog der Liebe» zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche konnte beginnen.
(Stefan Kube)
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