Walter Ludin

Bitte keine Verherrlichung des Leidens

(Ich halte heute Gottesdienst in zwei Spitälern. Da finde ich es sinnvoll, über das Leiden zu predigen, auch wenn noch nicht Karfreitag ist …)
Der heutige Palmsonntag ist bekanntlich der Anfang der Karwoche. In den kommenden Tagen wird in den Kirche sicher oft vom Leiden gesprochen. Ich finde dies auf der einen Seite wichtig, doch auf der andern Seite gefährlich:
Ø  Es ist gut und dringend vom Leiden zu sprechen. Denn in der heutigen Zeit wird das Leiden oft ausgeblendet, verdrängt und vergessen. Denn wichtig und bedeutsam ist in der öffentlichen Meinung vor allem der junge, gesunde und kräftige Mensch. Wer diesem Ideal nicht entspricht, hat oft das Gefühl, er müsse sich verstecken. Wir wollen doch andern den Anblick von Schwäche ersparen. Erlauben Sie mir dazu eine persönliche Bemerkung: Als ich vor vier Jahren eine sehr harte Chemo-Therapie hatte und mir die Jahre ausgefallen waren, hatte ich Mühe, unter die Leute zu gehen. Ich überwand mich allerdings. Denn ich wollte mich nicht verstecken.
Ø  Es sei gefährlich, vom Leiden zu sprechen, sagte ich vorhin. Denn Leiden darf man nicht verherrlichen. Es ist und bleibt ein Übel. Wer freiwillig leidet, gilt als psychisch krank. Wenigstens hier und heute. Im Mittelalter und heute noch in südlichen Ländern gab und gibt es Menschen, die an den kommenden Tagen sich auspeitschen oder sich sogar ans Kreuz nageln lassen, um mit Jesus mitzuleiden.
Uns ist diese Geisteshaltung zum Glück fremd. Aber es gibt sie noch, die Verherrlichung und Propagierung des Leidens. Es gibt sie bis hinein in die Kirchenlieder. In einem heisst es:
Süsses Holz o süsse Nägel, welche süsse Last an euch!
Was denken sich Priester, die ein solches Lied singen lassen? Sie haben vergessen, dass das Kreuz ein ganz brutales Folter-Instrument war. Etwas Grausames und gar nichts Süsses und Niedliches.
Zum Glück haben die meisten von uns Mühe mit einer Propagierung des Leidens. Aber leider nicht alle. Ich denke da an einen kürzlich verstorbenen Priester, der mit fast 90 Jahren noch in einem Pflegeheim tätig war. Eine Frau, der es sehr, sehr schlecht ging, erzählte er, sie solle sich doch freuen, wenn sie so viel leiden dürfe. Wen wundert es, dass ihre durchaus gläubigen Verwandten dem guten Mann Zimmerverbot gaben? (…)
Zum Schluss eine ganz kurze, wahre Geschichte: In einem Konzentrationslager der Nazi wurde ein junger Mann erhängt. Alle Insassen müssen zusehen, wie dieser unter Qualen langsam starb. Jemand ruft verzweifelt: «Wo bleibt Gott?» Ein anderer gibt die Antwort: «Er hängt da vorne.»
Diese Geschichte drückt sehr eindrücklich den Glauben aus: Gott ist bei den Leidenden. Er identifiziert sich mit ihnen. Dies kann Leidenden Trost und Hoffnung schenken.
Trost erfahren wir auch, wenn wir nicht vergessen: Nicht der Karfreitag ist das Letzte. Das Letzte und Entscheidende ist Ostern mit seiner Botschaft der Auferstehung.
(Spital Sursee: 9 Uhr; Spital Wolhusen: 10.30 Uhr)

13. April 2014 | 01:14
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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