Rebekka Rieser

BioShock – Abtauchen in eine andere Welt ohne Religion, ohne Politik und ohne Moral?

Ein Spiel produziert, vor beinahe 10 Jahren, und dennoch mag es einen immer noch zu faszinieren und zu begeistern. Nun ist vor nicht allzu langer Zeit (ca. vor 3-4 Monate) eine Recollection des Spiels auf den Markt gekommen und deshalb ist es nun auch an der Zeit, dass Spiel mit einem eigenen Blogeintrag zu würdigen. Denn dieses Spiel wirft so manche Fragen auf, die aktueller sind denn je.

«Ich bin Andrew Ryan und ich möchte Sie eines fragen: Steht einem Menschen nicht das zu, was er sich im Schweiße seines Angesichtes erarbeitet? Nein, sagt der Mann in Washington. Es gehört den Armen. Nein, sagt der Mann im Vatikan. Es gehört Gott dem Allmächtigen. Nein, sagt der Mann in Moskau. Es gehört allen.

Ich konnte keine dieser Antworten akzeptieren. Stattdessen entschied ich mich für etwas Anderes. Für etwas Unmögliches. Ich entschied mich für… Rapture. Eine Stadt, in der der Künstler keine Zensur fürchten, der Wissenschaftler sich keiner engstirnigen Moral beugen muss. In der diejenigen, die zu Großem bestimmt sind, nicht durch die kleinen Lichter gebremst werden. Wenn auch Sie im Schweiße Ihres Angesichts für dies kämpfen, kann Rapture auch Ihre Stadt werden.»

(Andrew Ryan)

Mit diesem Anfangszitat wird dem Spieler eine komplett andere Welt eröffnet. Vergessen sind moralische Richtlinien. Es zählen nur der Fortschritt und die Entscheidungen, die daraus resultieren. Denn Andrew Ryan’s Philosophie, welche das Leben in der Stadt Rapture bestimmt, lautet: «Wir alle treffen Entscheidungen. Aber letztendlich machen diese Entscheidungen uns aus.» (Andrew Ryan)

 

Doch fangen wir von vorne an

Das Spiel beginnt im Jahr 1960 als der Protagonist Jack mit einem Flugzeug über dem Atlantik abstürzt. Knapp kann er sich retten, in dem er einen Leuchtturm anschwimmt, der in der Nähe steht. Mit einer Tauchkugel gelangt er in die fremde Unterwasserstadt Rapture. Es wird ihm ein Video vorgespielt, in dem man erstmals Infos über die Gründung der Stadt und seinen Gründer bzw. Herrscher, Andrew Ryan, erhält.

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Rapture

Die Stadt wurde 1946 gebaut. Einerseits war der Bau der Unterwasserwelt aus Angst vor einem Atomkriegt motiviert, andererseits sollte hier ein Ort erbaut werden, in den man vor der aktuellen Politik, Religion und sozialen Umständen fliehen konnte. Die Architektur der Stadt besticht durch ihren Art-Deco Stil. Einzelne Stadteile sind durch Glastunnel, Tauchkugeln und Schienensysteme verbunden. Jegliche Unternehmen sind hier privatisiert und alle Handlungen kosten somit Geld. Die Stadt wird dadurch zu einem Ort der «Elite».

Rapture City | « BioShock Wiki

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Kaum kommt man mit der Tauchkugel in der Stadt an, nimmt ein Bewohner Raptures namens Atlas per Funk Kontakt auf. Fortan begleitet seine Stimme den Spieler, besser gesagt Jack, durch Rapture. Ansonsten wirkt die Stadt wie ausgestorben. Einzig, einige seltsame Kreaturen lauern versteckt in den dunklen Trümmern und greifen Jack an. Atlas erzählt ihm, dass das ehemalige Bewohner sind, welche Opfer der Substanz ADAM geworden sind und fortan als Splicer leben. Atlas bittet Jack ihn und seine Familie zu finden und zu retten.

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ADAM und Splicer

Weil es in Rapture keine moralischen oder religiösen Verpflichtungen und Grenzen gibt und die Ideologie ganz dem Fortschritt gewidmet ist, gibt es dementsprechend auch Forschungsergebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen. Dank einer Seeschnecke konnten Zellstrukturen gewonnen werden, die wie Krebs, die Struktur der menschlichen Zelle verändern. Diese Zellstrukturen oder dieses Mittel wird ADAM genannt.

Dank dem ADAM ist es nun möglich verschiedene Plasmiden oder Tonika mit den eigenen Zellstrukturen zu verbinden und seinen Körper zu «modifizieren und verbessern». So kann man sich schöner und stärker machen oder Fähigkeiten erwerben, wie Flammenwerfen oder Telekinese.

Splicer sind die Bewohner Raptures. Waren sie früher normale Menschen, so hat sie die Sucht nach ADAM zu kreaturartigen Wesen verkommen lassen. Nun greifen sie alles und jeden an, in der Hoffnung ADAM zu ergattern.

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Um im Spiel zu überleben, muss sich auch Jack dieses ADAM injizieren. Somit kann er sich mit verschiedenen Fähigkeiten ausstaffieren, die ihm im Kampf gegen die ADAM-Abhängigen Stadtbewohner helfen. Je tiefer aber Jack in die Stadt eindringt, desto mehr werden einem die schrecklichen Geheimnisse offenbart. Zum Beispiel, wie das ADAM entstanden ist.

Schnell trifft man nämlich auf die Big Daddys und Little Sisters sowie ihre Patronin; Bridgette Tenenbaum, welche sich als die Entdeckerin von ADAM entpuppt.

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Big Daddys und Little Sisters

Big Daddys sind Roboter die dazu erschaffen worden sind, Rapture in Schuss zu halten. Später nehmen sie aber auch die Funktion des Beschützers für die Little Sisters ein. Little Sisters sind kleine Mädchen, welche dazu verwendet werden, das ADAM (gesammelt aus einer Seeschnecke) zu kultivieren. Obwohl man auch versucht hat, kleine Jungs zu benutzten, hat es sich ergeben, dass sich nur  Mädchen dazu eignen. In Folge der Kultivierung werden die kleine Mädchen in zombieartige Wesen verwandelt und saugen die Leichen der Splicer aus, um so wieder ans ADAM zu gelangen. Später, in BioShock 2, wird man dann noch erfahren, dass die Little Sisters die Welt von Rapture in eine anderen Version sehen und die Splicer als «Engel» betrachten.

Big Daddy & Little Sister | © BioShock

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Wenn Jack einer dieser Little Sisters begegnet, kann der Spieler zwischen der Funktion «ausbeuten» oder «retten» wählen. Da er auf das ADAM angewiesen ist, um im Spiel zu überleben, kann er sich dieser Wahl auch nicht entziehen. Beutet er die Little Sister aus, erhält er mehr ADAM und das Mädchen stirbt. Rettet er die Little Sisters, dann erhält er zwar weniger ADAM aber das Mädchen lebt und Tenenbaum verspricht Belohnungen.

Atlas drängt derweil auf die Ausbeutung der kleinen Dinger.

So verläuft grundsätzlich das gesamte Spiel. Man geht in dieser Unterwassserwelt herum, bekämpft Splicer, sammelt ADAM und andere Sachen und trifft immer wieder auf ein paar Überlebende, zumeist Wissenschaftler oder Prominente. Man löst Rätsel um in der Stadt weiter zu gelangen und Atlas zu finden.

Eines der Sammelobjekte sind Tonbandaufzeichnungen, die die Geschichte der Stadt erzählen. Eine wichtige Person für die Stadthistorie stellt ein Mann namens Fontaine dar. Er agierte als Gegenspieler von Andrew Ryan. In Rapture herrscht zwar die totale Freiheit bezüglich der Forschung aber eine Regel gilt auch da unten: Geld regiert die Welt. Alles in Rapture ist oder wird grundsätzlich privatisiert und kostet. Fontaine nutzt das aus und organisierte einen Schwarzmarkt. Er schmuggelt Sachen von der Oberwelt nach unten (vornehmlich Bibeln) und sammelt ebenfalls ADAM um es zu verkaufen. Nach und nach zerstört schliesslich die Gier die ganze Bevölkerung Raptures.

Das Ziel, das bleibt, ist; finde ATLAS, zerstörte Ryan und sammle ADAM.

«Spoiler»

Was der Spieler noch nicht weiss, seine Entscheidungen bezüglich den Little Sisters sind massgebend für das Ende des Spiels.

BioShock 2 | © BioShock

 

Nun zum Eingemachten:

Wenn man «Bioshock» spielt, fällt einem schnell auf, wie rasant sich die Gameindustrie und die Technologie weiterentwickeln. Ein Spiel das gerade mal 10 Jahre alt ist, wirkt im Vergleich zu heutigen Produktionen altbacken bzw. die Grafik und das Spielhandeling lasssen zu wünschen übrig. Aber ehrlich gesagt, fällt das bei so einem Meisterwerk nicht wirklich ins Gewicht. Was hier nämlich viel interessanter ist, ist die Geschichte und die Überlegungen die dahinterstecken. Eine Welt ohne Grenzen für die Wissenschaft und eine Welt die vom Liberalismus beherrscht wird und trotzdem scheinbar nicht ohne Religion auskommen kann.

Die Wissenschaft mokiert sich im Spiel über die Religion in jeglicher Hinsicht. Diese Aussage lässt sich gut an den Begriffen des ADAM’s erklären. Sinnbildlich für die Schöpfung Gottes wird das Wort benutzt um ein Tonikum zu beschreiben, dass den Menschen zu einem stärkeren, schöneren, unglaublicheren Wesen macht. Der Schöpfung Gottes wird die Schöpfung der Wissenschaft gegenübergestellt. Dass dabei nur Mädchen ADAM erzeugen können, ist zudem eine nette Anspielung auf die Schöpfungsgeschichte; wo Eva doch aus Adam hervorging und hier ADAM aus Eva. Dennoch führt der Hochmut die Menschen zum Untergang (der Turm zu Babel lässt grüssen).

Die moralische Verurteilung der Spielemacher lastet schwer. Die Stadt wurde von ihrer Gier zerfressen, alles ist feindlich und Rettung gibt es für die Elite der Gesellschaft keine mehr. Der Mensch, so übermächtig er nun sein mag, ist zu einem Wesen verkommen, dem alles Menschliche abgesprochen wird. Man kann sich nun also fragen, ist es die Moral/Religion/Politik die den Menschen zum Mensch macht?

«Homo oeconomicus» in der Kritik

Folgt man dem Spiel scheint es so. Die liberalen Werte, Privatisierung, Wissenschaft und das Geld lassen eine destruktive Welt zurück in der es um das nackte Überleben geht. Selbst als Spieler wird man vor die Wahl gestellt, seinen eigenen Nutzen zu maximieren und dadurch seine Lebenschancen zu erhöhen, in dem man ein Kind ausbeutet oder den Weg des barmherzigen Samariters zu gehen und die Kinder von ihrem Leid zu erlösen. Dass das Ende genau durch diese Entscheidungen bestimmt wird, führt dem Spieler die Konsequenzen seiner «bewussten» Handlungen vor Augen und verdammen ihn gleichzeitig, wenn er sich fürs «ausbeuten» entscheidet.

Die moralisierende Komponente im Spiel lässt sich auch in der Spielkulisse wiederfinden. Unzählige Bibeln liegen in der futuristischen Welt herum. Sie erinnern daran, dass es sich bei Rapture mittlerweile um eine Dystopie handelt. War doch die ursprüngliche Idee, die «Ketten der Menschheit» (Religion) hinter sich lassen zulassen, um Wohlstand und Fortschritt zu generieren, nur um in der Not wieder bei ihnen zu landen.

 

Was mich persönlich an solchen Spielen begeistert, ist die Komplexität, die Ideen und Philosophien die verpackt werden und meiner Meinung nach als eine grossartige Errungenschaft unserer Zeit beschrieben werden kann. Videospiele, so schlecht ihr Ruf oft sein mag, vermögen oft tiefgründige Gedanken, Fragen, historische Ereignisse, Wertesysteme und Weltkonstrukte aufzuzeigen und unterhaltsam verpacken.

 

Drum nochmals einer meiner Lieblingszitate: «Wir alle treffen Entscheidungen. Aber letztendlich machen diese Entscheidungen uns aus.» (Andrew Ryan) Ein Zitat das man eins zu eins übernehmen kann fürs eigenen Leben.

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InfoBoX

  • Game: BioShock Collection (2016)
  • Studio: 2K
  • Erstveröffentlichung: BioShock 2007
  • PEGI: 18 Jahre

 

BioShock Collection | © BioShock»
16. Dezember 2016 | 09:00
von Rebekka Rieser
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