Bin ich zu naiv?
Erfolgreich gewaltfreiHin und wieder befallen mich Selbstzweifel, wenn ich die gewaltfreien Methoden des Widerstandes/der Verteidigung propagiere: Bin ich nicht zu naiv? Umso mehr freut mich das Echo, das ich auf meinen Artikel von gestern erhalten habe, von höchst kompetenter Seite (Leserbrief an die christkath. Kirchenzeitung):
Zur Zeit des mörderischen RAF-Terrorismus und der endlosen gewalttätigen Demonstrationen im Vorfeld der Gründung des Kantons Jura war ich Mitglied einer Sondereinheit der Kantonspolizei Bern. In den damals noch bernischen Freibergen wurde die RAF-Mitglieder Ralf Möller und Gabriele Kröcher nach einer für einen Grenzbeamten tödlich verlaufenen Schießerei von der Antiterroreinheit der Kantonspolizei Bern verhaftet. Im Untersuchungsgefängnis Bern mussten die Mitglieder von Sondereinheiten diese beiden während Monaten rund um die Uhr scharf bewachen, weil es damals in der Schweiz noch keine Hochsicherheitstrakte in Zuchthäusern gab. Möller trainierte täglich Karate wie ein wildes Tier, Kröcher schmiss uns «Scheissbullen» regelmäßig ihr Joghurt oder ihre Exkremente durch das kleine Fensterchen in der Zellentüre entgegen – wenn möglich ins Gesicht. In Moutier wurde bei einer Demonstration sogar auf einen Krankenwagen der Berner Sanitätspolizei geschossen, und ein gepanzerter Mannschaftswagen wurde mit Molotow-Cocktails angegriffen. Wer Derartiges jahrelang und immer wieder neu miterlebt und aushält – und dies nicht selten unter Lebensgefahr – und dazu oft noch im Kreuzfeuer politischer Interessen und Petarden stehend, hat sehr bald eine ziemlich realistische Vorstellung von und Erfahrung mit Gewalt. Wir waren oft genug heilfroh, bei Verhaftungen und Demos ohne schwere Verletzungen davongekommen zu sein. Und unsere Lieben zuhause auch. Und oft waren wir richtig stolz darauf, unseren Hass gegen alles Gewalttätige im Zaum gehalten und nicht mit gleicher Münze heimgezahlt zu haben. Das ist sehr schwer, wenn man gut trainiert und bewaffnet gewalttätigen Menschen gegenübersteht. Und dennoch will ich hier erstmals öffentlich Zeugnis davon geben, wie Recht der Kapuziner Walter Ludin aus Luzern mit seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit hat. Von 1972 bis 2005 war ich informelles Mitglied einer nordirischen Bürgerrechtsbewegung, die sich für die Ko-Edukation römisch-katholischer und evangelischer Kinder in nordirischen Schulen einsetzte – absolut gewaltfrei von Anfang bis zum Schluss. In den ersten 6 bis 7 Jahren sassen sich die verfeindeten Verhandlungsteilnehmer – grimmige, entschlossen dreinschauende und meist bewaffnete Männer – mehr oder weniger stumm gegenüber oder spuckten sich ihren gegenseitigen Hass regelrecht ins Gesicht. Doch nach etwa 7 Jahren geduldiger Mediationsarbeit begannen sich die Fronten aufzuweichen, der Verstand griff Platz, und die Herzen empfanden endlich Erbarmen mit den hüben wie drüben ausgegrenzten und gequälten Schulkindern. Es kam 2003 sogar vor, dass wir verhandelnden Männer uns am Ende unseres Ringens um menschenfreundliche Lösungen umarmten. Da bekamen wir eine leise Ahnung davon, was «Entfeindung», göttliche Gnade und Verheissung bewirken können. Gott sei Dank! Vor wenigen Tagen haben die letzten radikalen Splittergruppen der nordirischen Terrororganisationen ihre Waffen abgegeben und vernichten lassen. Ich sage es Ihnen ganz offen, liebe Leserinnen und Leser: Ich habe geweint vor Freude – endlich ist zumindest dort Schluss mit der Gewalt. Gott segne Sie für Ihre gewaltfreie Zivilcourage!
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