Heinz Angehrn

Bildungsanstalt

Das Theater sei eine Bildungsanstalt, so lauteten gängige Theorien zu Ende des 18.Jahrhunderts. Humanistische Bildung war natürlich gemeint, aufklärerische Bildung im Sinne des Zeitenwechsels in die endgültige Neuzeit hinein. Dieser «bildende» Aspekt des Theaters lag aber nicht in der Arbeit des Regisseurs, sondern im Text selber. Aufführungen des «Faust», des «Nathan», aber natürlich auch der Molièrschen Tragikomödien rings um die Charakterschwächen des Menschen, das bildete, dieses sich selber auf der Bühne Erkennen, dieses sich selber so in den Spiegel Schauen.
Was ein Teil der heutigen Regisseure/innen aber treibt (der Teil, den ich ideologische «Hirn-Regisseure» nenne; ich meine bewusst nicht die Bauch-Regisseure wie Adrian Marthaler, über das kann man mit mir immer diskutieren), ist das Gegenteil: Sie trauen dem bildenden Anteil des Textes/der Partitur nicht, sie sind der Meinung, dass der/die Besucher/in am Gängelband verzerrender und verfälschender Bilder zur richtigen Auffassung geführt werden muss. Sie verkennen, dass wir nicht mehr in einem dumpfen Zeitalter geistiger Unterdrückung, sondern in der multikulturellen Welt der Postmoderne leben.
(Sie gebärden sich wie die Genossen am letzten SP-Parteitag, könnte man boshaft hinzufügen. Sorry, bin immer noch geschockt.)
Morgen mehr, Lustiges, am Beispiel der von Hansjörg Schneider im letzten Hunkeler geschilderten Inszenierung des «Oedipus».

9. November 2010 | 08:40
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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