Besorgnis vor dem Konklave
Anfang Juni wendete sich der melkitische Patriarch Maximos Saigh in einem vertraulichen und persönlichen Brief (ausdrücklich und unterstrichen so gekennzeichnet) an Kardinal Julius Döpfner. Dieser Brief, den Maximos auch an andere Kardinäle schickte, war gewissermassen der Versuch, ein briefliches «Vor-Konklave» zu ermöglichen.
Der Patriarch äussert sein Bedauern und seine Besorgnis, dass Papst Johannes XXIII. das Konzil, durch das er der Kirche neue Wege ermöglicht hatte, nicht auch zu Ende führen konnte. Er hofft zwar, dass die Schritte nach vorn irreversibel seien. Doch da die menschlichen Einflüsse und die von Gewohnheit bestimmten Mentalitäten wirken, kann es sein, dass die Mehrheit des Konklaves auf den Stuhl Petri einen Papst von der Art der Kardinäle, die man ‹Integristen› genannt hat, setzen» (Dö 455). Insbesondere der italienische Teil der Kardinäle könnte in diese Richtung neigen. Der Patriarch erinnert an die in der Konzilsaula geäusserten Postulate nach einer Internationalisierung der Kurie und favorisiert darum die Wahl eines nichtitalienischen Papstes, vorzugsweise aus der Gruppe der von ihm angeschriebenen Kardinäle (Alfrink, Bea, Cushing, Döpfner, Frings, König, Léger, Liénart, Suenens).
Die Direktheit, mit der der Patriarch sich äusserte, ist auch dadurch bedingt, dass die Patriarchen damals nicht am Konklave teilnahmen und nicht zu den Papstwählern gehörten. Patriarch Maximos hatte darum anderweitig keinerlei Möglichkeiten, die eigene Verantwortung wahrzunehmen.
Er entschuldigt seine Freiheit und Freimütigkeit auch damit, dass er ins 86. Lebensjahr eingetreten ist und nicht mehr lange zu leben hat. (Er starb 1967). «Die Liebe zum Wohl der Kirche drängt und bedrängt mich».
Am 18. Juni 1963, kurz vor dem Konklave, antwortet Kardinal Döpfner, indem er seiner eigenen Besorgnis Ausdruck gibt, insbesondere in Anbetracht der verschiedenen Parteiungen, die im Kardinalkollegium existieren. Er schliesst seinen Brief mit der Bitte an Gott, dass das von Papst Johannes begonnene Werk fruchtbar fortgeführt werden könne (vgl. Dö 459).
(emf)
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