Markus Baumgartner

Auf dem Vaterunser-Weg meditieren

Der Vater unser Weg verbindet auf besondere Weise Meditation, Kunst und Natur miteinander. Angebote gibt es in der Zentralschweiz und in Deutschland Nahe am Bodensee. Der Vaterunser-Erlebnisweg will allen Gästen ermöglichen, das wunderbare Gebet selbst zu erleben und eigene Erfahrungen damit zu machen.

Das Vaterunser-Gebet aus der Bergpredigt ist wohl das bekannteste Gebet der Christenheit. Seit jeher wird es von Christinnen und Christen aus allen Kirchen rund um den Globus gebetet. Viele berichten, dass sie Trost und Stärkung für ihr Leben und ihren Glauben in diesem Gebet finden. Mit dem Ausbau des «Weg der Schweiz» im Jubiläumsjahr 1991 erstellten die Zürcher Landeskirchen den «Vater unser Weg» im Tannwald Seelisberg: Vom Kalcherli zur Marienhöhe sind abschnittsweise neun beschriftete Bildtafeln verteilt. Diese gehören heute zum Inventar «Weg der Schweiz». Von der Marienhöhle am Ende des Weges bietet sich ein prächtiger Ausblick auf das Rütli, den Vierwaldstättersee und die Berggipfel. 

Kirche gestaltet Vaterunser-Erlebnisweg für Landesgartenschau

Spirituelle Erfahrungen in der Landschaft will die evangelische Kirche Lindenwiese in Überlingen beim Bodensee ermöglichen. Sie hat dazu 2019 einen Vaterunser-Erlebnisweg für die Landesgarten-schau geschaffen. Der Vaterunser-Erlebnisweg will jedem Gast ermöglichen, dieses wunderbare Gebet selbst zu erleben und eigene Erfahrungen damit zu machen. Das Projekt wurde von der Stadt mit 5000 Euro bezuschusst – dies bei Gesamtkosten von rund 40’000 Euro, schreibt der «Südkurier». Die Mitglieder der Kirchengemeinde haben im Rahmen einer Bauwoche schon rund mehrere hundert Stunden Arbeit in den Vaterunser-Erlebnisweg gesteckt. Neugierig zu machen ist ein Ziel, das die Lindenwiese mit dem Vaterunser-Erlebnisweg verfolgt. «Wir wollen, dass die Menschen zu uns kommen», sagt Daniel Plessing, Pastor der Kirche Lindenwiese. «Denn wir sind hier weit ab vom Schuss.» Was aus diesem Blickwinkel als Defizit verstanden werden könne, wollen der Pastor und seine Mitstreiter als Stärke von Landschaft, Natur und Naherholung nutzen. «Wir bieten hier auch Führungen an», sagt Plessing. 

Vaterunserweg schliesst Lücke 

«Die Idee ist in Gesprächen mit Thomas Vogler vom Verschönerungsverein entstanden», erklärt Daniel Plessing. Denn mit dem Vaterunser-Erlebnisweg soll zugleich eine Lücke im Wanderwegenetz geschlossen und eine Verbindung zwischen Lindenwiese und Bacher-Hof hergestellt werden. An sieben Stationen auf einem rund drei Kilometer langen Rundweg macht die Lindenwiese mit diesem neuen Weg die verschiedenen Abschnitte des Vaterunsers mit Sinnen greifbar machen. Bei jeder Station befindet sich eine kleine Anleitung, einen vertiefenden Gedanken und ein Gebet. Das Timing für den Erlebnisweg war wie gemacht für die Coronazeit. Der Weg ist draussen in der Natur, bietet viel Platz und ermöglicht geistliche Erfahrungsräume. Familien, Paare und Einzelpersonen besuchen diesen gerne und häufig. Für Gruppen bietet die Kirche darüber hinaus Führungen an. 

Mächtiger Gong als finales Amen

Die Liege ist die erste Station des Vaterunser-Erlebniswegs. An der dritten Station ein grosser massiver Eichentisch mit zwei Sitzbänken. «Unser täglich Brot gib uns heute» steht hier an der Information für Wanderer und Radler, für die ein grosser Tonkrug mit Wasser fest installiert wurde. Zum exponierten Hochbehälter führt eine steile Treppe hinauf. Unten liegt ein grosser Findling. «Er steht für die Last und die Bitte um Vergebung der Schuld», beschreibt Pastor Plessing die Idee. Ganz oben auf dem Hochbehälter kann man nicht nur einen nahezu freien Rundblick in die Landschaft geniessen. Man kann sich auf einer hufeisenförmigen Bank unter einem mächtigen Eichenkreuz auch gegenüber sitzen und sich gegenseitig «Vergebung zusprechen», wie es der Geistliche formuliert. Der Weg endet mit einem Labyrinth rund um die «Versuchung» und einem mächtigen Gong als finales Amen. Pastor Plessing: «Vielleicht ist in unserer Zeit nicht das eigentliche Gebet die grosse Herausforderung, sondern das Verlassen des lauten und hektischen Alltags.»

Bild Quelle vaterunserweg.de
16. August 2021 | 20:10
von Markus Baumgartner
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