Walter Ludin

Auch Missionare sind «Migranten».

Wer von uns hat nicht irgendeinen Onkel oder eine Tante, die vor Jahrzehnten zum Beispiel nach Amerika (Süd- oder Nord) ausgewandert ist? Und noch immer lebt rund ein Zehntel der Schweizer Bürger im Ausland. Von ihnen erzählt die neueste Ausgabe des ite. Hier der Pressedienst der Nummer – und anschliessend ein Textbeispiel, das daran erinnert, dass auch Missionare «Migranten» sind.

Die politische Diskussion in der Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten fast ausschliesslich um die Einwanderung von Flüchtlingen gedreht und mehr als eine Partei hat mit Einwanderungs- und Überfremdungsängsten ihr populistisches Süppchen gekocht. Vielen ist heute gar nicht mehr bewusst, dass die Schweiz über Jahrhunderte – als armes Agrarland im Zentrum Europas – Auswanderungsland war, und dass fast jeder von uns Verwandte in Amerika, Lateinamerika oder Australien hat. Auch heute noch lebt fast ein Zehntel der Schweizer Bürger, nämlich 760’000 Personen, im Ausland.

Genau dieser umgekehrte Perspektive, die der Schweiz als Auswanderungsland, widmet sich die neuste Nummer von ITE 4/2019. Die Ausgabe nähert sich dem Thema aber nicht über Sachartikel oder tiefschürfende Analysen, sondern über persönliche Erfahrungsberichte. Beat Baumgartner erzählt über seine Bernet-Verwandtschaft in den USA und ihre religiöse Beheimatung. Mitredaktorin Nadine Crausaz berichtet über ihre riesige Balmant-Verwandtschaft in Brasilien, die heute über 5000 Mitglieder umfasst, sowie über die Schweizer Kolonie im argentinischen Bariloche.

Eindrücklich sind auch die Erfahrungen der Kapuziner-Missionare in Tansania und dem Tschad, in Indonesien und auf den Seychellen. Sie alle haben sich an ihrem Einsatzort gut integriert, blieben letztlich aber doch den Einheimischen irgendwie fremd. Zum Weltenbürger wurde auch der Kapuziner Gandolf Wild, der seit 2008 als Sekretär von Bischof Paul Hinder in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig ist. Auch der frühere Schweizergardeoffizier Frowin Bachmann, der mit seiner Familie heute in Rom lebt, möchte nicht mehr in die Schweiz zurückkehren, weil dort «alles in fast zu geordneten Bahnen abläuft.»

Weitere Themen des ITE 4/2019 befassen sich mit berühmten Schweizern in der Welt, der Arbeit des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten EDA sowie mit dem ausserordentlichen Monat der Weltmission.

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Textbeispiel

«Wie hast du dich gefühlt, als du in deinem Einsatzland ankamst? Wie rasch ist dir die ‹Integration› gelungen?» Auf diese Frage antworten die aktiven oder ehemaligen Missionare recht unterschiedlich. Einer von ihnen, Gandolf Wild, erinnert daran, dass er in seinem Leben mehrmals in eine fremde Kultur versetzt wurde. Er arbeitete in Dar-es-Salaam, Nairobi, Rom und Abu Dhabi. Überall war für ihn «das schnelle Erlernen der Landessprache ein wichtiger Faktor».
Privilegierte Migranten
Fritz Budmiger, seit 1976 auf Borneo/Indonesien tätig, unterstreicht, Missionare seien tatsächlich «irgendwie Migranten», aber privilegierte: «Unser Missionseinsatz ist vom Orden vorbereitet und getragen. Im Einsatzgebiet sind wir willkommen. Bei der Ankunft werden wir am Flughafen abgeholt. Wir kommen in eine Gemeinschaft mit der gleichen Spiritualität. Wir haben Mitbrüder und Leute, die uns unterstützen. Obwohl wir in einer fernen, anderen Kultur ankommen, fühlen wir uns nicht verloren oder ausgeliefert.»
Weniger gemütlich wurde Franz Xaver Brantschen empfangen, als er 17 Jahre zuvor am gleichen Ort ankam. Dort wurde er von der Militärpolizei empfangen: «Ein komisches Gefühl!» Zwar war der Empfang durch die niederländischen Mitbrüder bedeutend freundlicher. Aber «ihr schlechtes Deutsch oder die unbekannte holländische Sprache bildete eine Barriere, ebenso das mir fremde holländische Essen.» Es brauchte dann aber wenig, um heimische Gefühle zu wecken: «Als nach ein paar Tagen Butter und Konfitüre auf dem Tisch standen, habe ich gedacht: Hier fühle ich mich daheim.»
Sprachen sind wichtig
Wie Bruder Gandolf eingangs erwähnte, spielt das Erlernen der fremden Sprache beim Ankommen in einer anderen Kultur eine zentrale Rolle. Manfred Birrer machte diesbezüglich in Tansania spezielle Erfahrungen: «Es fiel mir nicht schwer, Kiswahili zu lernen. Ich sass im Klassenzimmer der ersten oder zweiten Klasse und spielte nach der Schule mit den Kindern. Sie freuten sich, mir ein paar neue Worte und kleine Sätze beizubringen. Wir hatten viel Spass, wenn ich Bein mit Mund und Ohr mit Auge verwechselte und sie korrigierten mich mit grösstem Eifer. Via Kinder fand ich leichten Zugang zu ihren Familien.»
Ist Integration unmöglich?

Zum Stichwort «Integration» stellt Paul Hinder, Bischof von Arabien, nüchtern fest: «Integration im strikten Sinn ist hier in Arabien weder gewünscht noch möglich. Sich einfügen in die Gegebenheiten und das kulturelle Umfeld, ja.»
Vollständige Integration ist auch in anderen Weltgegenden schon allein der Hautfarbe wegen nicht möglich. Man kann diese ja beim besten Willen nicht wechseln. Auf die Frage, wie rasch ihm die Integration gelungen sei, schreibt Isidor Peterhans aus Tansania: «Ich bin immer noch dran – nach 45 Jahren! Manches gelang schon schnell einmal. Sprache, Sitten, lokale Gewohnheiten wurden mir bald vertraut. Anderes brauchte mehr Zeit. Dass ich als Weisser unter Afrikanern immer ein Stück weit Fremder bin, ist mir klar. Dies habe ich akzeptiert. So bin ich eben als ‹Fremder› integriert.»

Edwin Hug, seit 1965 ebenfalls in Tansania tätig, schreibt auf die Frage nach seiner Integration lapidar: «Ob sie je gelang?»

Als Fremder auf dem Markt
Um den Stand der Integration noch präziser zu erfahren, stellten wir den (Ex)-Missionaren die Frage: «Fühlst oder fühltest du dich als ‹Angekommener› oder immer noch als ‹Fremder›?» Dazu äussert sich Edwin Hug etwas ausführlicher: «Beides ist der Fall. Wegen der Hautfarbe bin ich immer noch in der Gruppe der ‹Wazungu/Weissen›. Und bei der Arbeit ist meine Art, zu denken und zu reden, immer noch von Erziehung und Ausbildung geprägt.» Er stelle dies vor allem fest, wenn er seine Predigten mit jenen der Einheimischen vergleiche, fügt Bruder Edwin an.
Fritz Budmiger schreibt aus Borneo, wo es einen vielfältigen Reichtum von Kulturen gibt, er fühle sich in dieser Vielfalt wohl: «Obwohl ich anders bin als andere, bin ich Teil des Ganzen. Ja, ich fühle mich integriert – und bin irgendwie doch ein Fremder.»
Ein interessantes Detail schildert Isidor Peterhans als Ergänzung zu seiner obigen Antwort: «Wenn ich auf dem Markt etwas einkaufen will und merke, dass man mir die Ware zu einem andern Preis verkaufen will als den Einheimischen, wird mir natürlich immer wieder bewusst, dass ich ein ‹Anderer› bin.»

Weitere Infos

Bildquellen

  • ite_4-2019_Cover_Ausschnitt: Walter Ludin
8. November 2019 | 10:21
von Walter Ludin
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