Celia Gomez

Das Ministerium des äussersten Glücks – Arundhati Roy in Zürich

Zwanzig Jahre warteten die LeserInnen weltweit auf ihren nächsten Roman. Nun ist «The Ministry of Utmost Happiness» da und Arundhati Roy spricht in Zürich darüber.

Der Saal im Kosmos füllt sich rasend schnell: Wer eine halbe Stunde vor Beginn der Lesung kommt, muss sich auf die Treppe quetschen. Nach einer kurzen Umfrage des Moderators Mikael Krogerus stellt sich heraus: Kaum ein Zehntel des Publikums hat Roys neues Buch gelesen. Die Leute sind primär wegen Arundhati Roy als Person gekommen. Dann beritt die Frau des Abends die Bühne.

Eigentlich sollte nicht über Politik geredet werden, doch das ist unmöglich: Zum Einstieg soll Roy eine Person, einen Ort und eine Sache nennen, die sie in ihren Gedanken verfolgt. Die Person dürfe sie nicht nennen, meint Roy, da man sie ansonsten verhaftet würde. Das Publikum lacht und versteht, dass sie von Indien Präsident Narendra Modi sprich. Der Ort ist Indien. Die Sache ist die Leiche einer Freundin. Die junge Journalistin* sei von vier Tagen vor ihrem Haus erschossen worden. Der Saal verstummt.

Aktivistin und Erzählerin

Politik und Erzählkunst lassen sich bei Arundhati Roy nicht trennen. Sie ist die Tochter einer christlichen Frau, die einen Hindu geheiratet hatte und sich später von ihm scheiden liess. Damit waren Roy und ihre Mutter vom sozialen Netz in Kerala ausgeschlossen. Die Erkenntnis des Ausgeschlossenseins war ein Wendepunkt für die Schriftstellern. Sie begann sich zu fragen, warum sie nicht Teil der Gesellschaft war.

«The God of Small Things». So heisst Roys erster Roman, der von zwanzig Jahren die Herzen der Leserschaft in der ganzen Welt eroberte und den Booker Prize 1997 gewann. Roy wurde zur Repräsentantin eines modernen, wirtschaftlich starken Indiens gemacht. Diesen Status habe das Land jedoch durch einen intoleranten Hindu-Nationalismus und Unterdrückung erreicht. Da sie solch ein Land nicht vertreten wollte, begann sie, sich kritisch gegen die Politik zu äussern. Sie unterstütze die Protestbewegung gegen das Narmada-Staudammprojekt, sprach sich gegen die nukleare Aufrüstung Indien, die Aussenpolitik der USA und gegen die Ungerechtigkeiten der Globalisierung aus. Sie berichtete über staatlich tolerierte Pogrome nationalistischer Hindus gegen MuslimInnen, besuchte Dörfer der maoistischen Guerilla und schrieb Essays über politische und religiöse Ausgrenzung.

Arundhati Roy im Kosmos | © Celia Gomez

Randfiguren der indischen Gesellschaft

Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung ihres Erfolgsromans ist es so weit: «The Ministry of Utmost Happiness» (Das Ministerium des äussersten Glücks) wird im Juni 2017 publiziert. Die Erzählung spielt an zwei Schauplätzen: Delhi und Kashmir. Zahlreiche Figuren führen die Leserschaft durch die Geschichte, die sich um zwei Hauptfiguren dreht: Die Hijra Anjum ist eine Frau, gefangen in einem männlichen Körper. Sie hegt den tiefen Wunsch, Mutter zu werden, zieht ein Findelkind auf und initiiert ein Gasthaus (genannt «Jannat» – Paradies) auf einem Friedhof für Ausgestossene. Die zweite Hauptfigur ist Tilo, die aus einer religiös gemischten Ehe stammt. Durch ihre familiäre Situation von der Gesellschaft ausgestossen, wird sie auch wegen ihrer dunklen Hautfarbe herablassend behandelt. Die beiden Schicksale dieser Frauen werden von Roy im Verlaufe der Erzählung auf ihre ganz eigene literarische Art verwebt.

Gespickt mit Politik

Das Buch erhielt gemischte Kritik. «Das ist eher Klempnern im Dienst der guten Sache als Erzählkunst», schreibt die NZZ. «Eine Dichtung voll mit Politik», steht in der FAZ und die Berliner Zeitung meint «Alles ist verwirrend». Tatsächlich ist vieles im Roman zu finden: Die Unruhen in Gujarat 2002, als MuslimInnen von einem Hindu-Mob umgebracht wurden und die Polizei zuschaute. Das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen ums Leben kamen, der Kashmir Konflikt zwischen indischen Sicherheitskräften und militanten Separatisten und die Welle an Hass gegen MuslimInnen nach 9/11.

«Ihr neuer Roman überzeugt literarisch nicht», kritisiert der Tagesanzeiger. Kritisiert wird hier die fast schon überquellende Anzahl an Details, Facetten, verschiedenen Szenen und Perspektiven, aus denen die Geschichte zusammengesetzt ist. In Zürich sagt Roy, dass ihr Buch nicht in einem Mal Lesen verstanden werden kann. Ihr Roman sei wie eine Stadt, erzählt die ausgebildete Architektin. Der Leser geht durch die verschiedenen Quartiere, verweilt bei einem Markt, kehrt an eine Ecke zurück und nimmt all die verschiedenen Eindrücke mit.

Natürlich waren die Erwartungen an den neuen Roman nach zwanzig Jahren extrem hoch. «Die Leute erwarten, dass du das gleiche Buch schreibst», meinte Roy. «The Ministry of Utmost Happiness» ist weder die gleiche Erzählung wie «The God of Small Things», noch eine Fortsetzung – auch wenn einige Elemente die beiden Romane verbindet und die Leserin diese Elemente in der Geschichte wie lang vermisste Gesichter wieder antrifft.

Politik und Literatur lassen sich eben nicht trennen. Das ist Arundhati Roy. In ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin gehe es ihr nicht um Erfolg. Sie sieht sich sogar als gescheitert. Sie verkündet entschlossen: «Ich will lieber scheitern, als auf ihrer Seite zu stehen».

 

 

* Zur Situation der JournalistInnen in Indien schreibt George Francis Xavier in seinem Blogbeitrag.

Szene in Indien | © pixabay.com CC0
14. September 2017 | 12:55
von Celia Gomez
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