Heinz Angehrn

Apocalypse now in Zürich

Imre Kálmáns «Die Csardasfürstin»

Von Corona liess sie sich nicht aufhalten, wurde nur um ein halbes Jahr verschoben und hatte dann doch Ende September Premiere unter den (wohl extrem teuren, aber in Zürich – anders als in Berlin, wie Barrie Kosky trocken anmerkte – gut finanzierbaren) speziellen Aussenbedingungen mit ausgelagertem grossem Orchester und grossem Chor und ständig getesteten Tanz- und Sängergruppen auf der Bühne: das 1915 mitten im Weltkrieg uraufgeführte beste Werk der «silbernen» Epoche der Operettengeschichte. Adeliger Mann (»weisst du es noch») darf aus Standesgründen Tingeltangelkünstlerin (»heia, in den Bergen ist mein Heimatland») nicht heiraten, begnügt sich mit der brav-blonden Nummer Zwei (»machen wir’s den Schwalben nach») und bekommt per aspera ad astra Nummer Eins schliesslich doch noch, nachdem auffliegt, dass schon seine Mama getingelt hat (»das ist die Liebe, die dumme Liebe»).

Und das spielt 2020 das Opernhaus Zürich! Die tollen Titel waren auch zu hören: «Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht» und «Die Mädis vom Chantant» etwa. Nicht alte, sondern junge weisse Männer (der bis auf den Rücken blondgelockte amerikanische Tenor Spencer Lang mit ganz viel Spielfreude und klarer Stimme) trieben ihre machistisch-sexistisch-promisken Spiele, vernaschten das Schiffspersonal nach Lust und Laune (ach ja: die ganze Handlung spielt bei Regisseur Jan Philipp Gloger auf einer Superjacht auf Südseekreuzfahrt), warfen Redbull-Büchsen, Champagnerflaschen und jeglichen Schiffsmüll ins Meer und merkten bis zum Ende nicht, dass das Schiff explodierte, das Klima sich radikal veränderte und das Personal absoff. Nein: Die beiden Titelhelden (Pavel Breslik mit seinem Strahletenor im Start zur Weltkarriere und viel nacktem blonden Brusthaar als Edwin und Annette Dasch mit einem hochdramatischem Wagner-Ansatz als Silva) samt Buffopaar und altem Playboy (Martin Zysset mit Zöri-Dialekt mitten drin) retteten sich, nachdem erst tote Möwen vom Himmel regneten und die Welt schliesslich explodierte, auf Alpha Zentauri, wo sie sogleich die Alien-Bewohner mit ihren alten Erdenspässen vertraut zu machen begannen. Vorhang, Ende, grosser Jubel.

«Jaj, Mamám, Bruderherz, ich kauf’ mir die Welt,
Jaj, Mamám, was liegt mir am lumpigen Geld,
Weiss Du, wie lange noch der Globus sich dreht,
Ob es morgen nicht schon zu spät?»

Viel Spass, zumindest für Akademiker; der alte Operetten-Fan ist irritiert! Amüsiert Euch in der Pandemie. Ich tat es, und es tat gut.
Mein Geheimtipp: Sobald es dunkel wird: Masken runter, es sieht es niemand (vgl. den Liedtext oben).

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5. Oktober 2020 | 06:02
von Heinz Angehrn
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