Walter Ludin

Antisemitismus ..

… nur damals?Ausser in den Ferien komme ich kaum dazu, Belletristik zu lesen. Über dieses Wochenende habe ich mir eine Ausnahme geleistet, mit dem Roman «Nächstes Jahr in Jerusalem» von André Kaminski. Diese phantasievolle Familiengeschichte hat mich fasziniert.Nur einen Punkt greife ich heraus: den Antisemitismus, mit dem die beiden jüdischen Familien konfrontiert werden. Ich wusste es zwar schon lange: Es gab ihn nicht bloss in Deutschland und schon längst vor Hitler. In diesem Buch aber wird deutlich gezeigt, wie verbreitet diese Seuche schon am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts war, und zwar beispielsweise in Polen und in Österreich. Zwei typische Szenen:-Der junge Henrik Kaminski will gegen Ende des Ersten Weltkriegs wieder in seine Heimat Polen, nachdem er auf seiner Flucht buchstäblich die Welt umrundet hat. Auf der Fahrt wird er gewarnt: «30 Millionen Polen warten darauf, einen Juden zu erschlagen.» (Sicher stark übertrieben; doch der Autor lebte in Polen, bis er es dort nicht mehr aushielt….)-Das junge «Fräulein» Rosenbach, Spross der andern dargestellten jüdischen Familie, wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg von einem Offizier zum Neujahrsball eingeladen. Als sie sich mit ihrem jüdischen Familiennamen einem Major vorstellt, wird sie als «Judenluder» beschimpft.So weit die Geschichte. DerAntisemitismus ist leider nicht bloss Vergangenheit. Frei mit Brecht: «Der Schoss, aus dem das Ungeheuer kroch, ist immer noch fruchtbar.» Zum Bespiel in Polen bis hin zu Radio Maria; oder in Österreich bei Haider unseligen Angedenkens und seinen politischen Erben. Und in der Schweiz: Als es beispielsweise um die jüdischen Gelder aus dem Zweiten Weltkrieg ging, hörte ich etliche antijüdischen Äusserungen, auch von intelligenten und eigentlich ethisch hoch stehenden Menschen.

1. März 2010 | 01:22
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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