Heinz Angehrn

Anspruch und Realität

Anders als Opernkritiken, die ich breit streue, weil ich mich als kompetent betrachte, erscheinen kurze Kommentare zu Konzerten nur hier im Weblog. Gestern also der zweite Abend im Rahmen der diesjährigen Migros-Classics-Reihe in der Tonhalle St.Gallen. Wie schon am ersten mit dem Tonhalleorchester unter David Zinman ging es wieder sehr seriös zu. Und mit fast zweieinhalb Stunden Dauer inklusive Pause auch schon recht sinfonisch lang. Da war ein rechter Teil des Publikums dann überfordert. Anspruch und Realität eben, die Folge unserer doofen fun-action-Fastfoodgesellschaft. Wenn man die kids mit Macs futtert, kann man nicht erwarten, dass ihre Eltern Verständnis für Bruckner haben.
Da wurde schon nach zwei Sätzen der fantastischen Vierten herumgerutscht, unnötig gefächert und getuschelt. Man hätte glauben können, in einem Saal voll Blasenschwacher zu sitzen. Für uns wahre Kenner und Geniesser aber blieb dies von einem eindeutig grossen Abend mit dem Brandenburgischen Staatsorchester unter Howard Griffiths: Nach Daniel Schnyders «Sphinx», einer Migros-gesponserten Uraufführung für Sax und grosses Orchester, einem Werk, das nicht wusste, ob Avantgarde oder Jazzkeller angesagt war, und Mendelssohns unsterblichem Violinkonzert, in dem der Solist Julian Rachlin gerne auch den Dirigenten ersetze hätte (dieser extrovertierte Mann spielte nicht nur seinen Part, sondern lebte das ganze Konzert körperlich mit) gings nach der Pause zur Sache: Griffiths Interpretation der Vierten orientiert sich sicher an Günther Wand, exakt wurde Bruckners Technik der Zerlegung des Motivs bis zu seinem leisesten Fundament und dem sofortigen Wiederaufbau mit tiefstem Ernst, wie er dem Komponisten gebührt, aufgezeigt. Hervorragend, eben nichts für Banausen und Stuhlrutscher.
Heute Abend gleich noch die Zugabe: Nikolai Demidenko spielt einen ganzen Abend lang Schuberts Spätwerk. In grosser Erwartung.

19. Januar 2012 | 08:09
von Heinz Angehrn
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