«Andere» sein dürfen
Das Blog ist ein paar Wochen brach gelegen, für den Neuanfang gibt es hier einen Artikel von mir, der am 9.3. im Winterthurer Stadtanzeiger erschienen ist:
Eine Kollegin von mir versucht, seit sie in einer psychischen Krise vor einigen Jahren ihren Arbeitsplatz verloren hat, wieder eine Anstellung zu finden, endlich wieder Teil der «normalen» Gesellschaft zu sein, sie schreibt ständig Bewerbungen – bis jetzt ohne Erfolg. Eine Bekannte berichtet, dass sie wütend wird, wenn sie Ausschreibungen für Meditationskurse liest, bei denen psychische Stabilität vorausgesetzt wird – weil sie die aufgrund einer Krankheit nicht aufweisen kann, ist sie davon ausgeschlossen, als ob sie keine spirituelle Sehnsucht hätte. Bei anderen ist offensichtlicher, dass sie nicht dazu gehören: Den Altphilologen, der besser Hebräisch konnte als ich Theologiestudentin, habe ich in einem Haus für Wohnungslose kennengelernt. Wer sich gezwungen sieht, zu betteln, muss seine Not öffentlich machen.
Allen diesen Menschen ist gemeinsam, dass ich mich leicht von ihnen abgrenze. Ich ertappe mich bei bemühter Wertschätzung, ich will, dass sie Hilfe und Beratung bekommen – aber immer wieder lege ich auch Wert darauf, das sie «die anderen» sind. Diejenigen, zu denen ich nicht gehöre. Es ist für mich wichtig, dass ich nicht zu sehr hineingezogen werde in das, so stelle ich es mir vor, so schmerzafte, schwierige Leben der «Anderen». Und das ist eigentlich skandalös.
Denn: Wenn ich ehrlich bin zu mir selbst, dann gibt es Punkte in meinem Leben, wo ich selbst fast daran gescheitert bin. Ich habe das Glück, dass die nicht so auffällig sind, aber ich weiss, dass ich mich von meiner arbeitslosen Kollegin, von meinem Altphilologen-Bekannten, im Grund nicht unterscheide. Sie haben lediglich mehr Pech gehabt. Der Skandal beginnt, wenn ich meine, ich sei ein anderer Mensch als sie.
Dann stelle ich mir die Menschen vor, mit denen Jesus befreundet war. Handwerker waren dabei, vermögende Frauen (die ihn finanziell unterstützten), religiös Angesehene. Und ebenso: Menschen, die gesellschaftlich Ausgeschlossene waren, weil sie etwa behinderte Bettler waren oder Prostituierte. Konfliktlos war es in dieser gemischten Gruppe sicher nicht – aber es scheint nie in Frage gestanden zu haben, dass sie alle zu Jesus gehörten, die Etablierten ebenso wie die, die nicht zurecht gekommen waren.
Heute zu den Menschen zu gehören, die mit Jesus befreundet sind, heisst, dass ich zumindest vor mir selbst wissen muss, wer ich bin: Ein Mensch, der genauso gut ausgeschlossen sein könnte, wie diejenigen, die täglich erfahren, dass sie nicht dazugehören. Und dann: Wissen, dass diese Tatsache nicht etwas ist, weswegen ich mich schämen muss. Sondern dass sie eine Chance ist. Weil sie möglich macht, dass ich Menschen, von denen ich mich viel zu leicht abgrenze, erkenne als Freundinnen, Bekannte, vielleicht Familienangehörige, die genauso sind wie ich. Und weil Jesus immer wieder die Armen, die Kranken, die Ausgegrenzten wohltuend ins Zentrum seines Lebens gestellt hat – deshalb meine ich, dass wir so gemischt gut diejenigen sein können, bei denen Jesus sich heute gerne aufhält.
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