Gian Rudin

Advent: Her-Kunft, An-Kunft, Zu-Kunft

Advent: Gedächtnis der Geburt Gottes inmitten der Geschichte einst und jetzt

Heimelig. Überall Lichtermeere. Der Geruch gebrannter Mandeln paart sich mit dem Geschmack würzigen skandinavischen Glühweins. Das traute Heim blüht in sanftmütiger Gastlichkeit. Bald kommt das Christkind. Menschwerdung. Radikaler Eingang in die Mitte dieser Welt durch die Verfleischlichung Gottes. Als Kind habe ich jeweils mit meiner Mutter «Weihnachten auf Gut Aiderbichel» geschaut, Weihnachten mit Kuscheltieren und Flackerschein. Diese idyillische Harmonie ist wesentlicher Bestandteil des Weihnachtsfests. Schliesslich bekennen wir die Ankunft Gottes. Diese ist eingebettet in Herkunft. Jesus ist kein Mutant. Kein promethischer Halbgott. Kein illusionäres Hirngespinst à la Fliegendes Spaghettimonster oder dem pummeligen Teletubby Tinky-Winky. Er ist wahrer Mensch, geboren von der Jüdin Maria, befreundet mit Fischern und Handwerksleuten. Blut geschwitzt und Freudentränen vergossen. Kurzum: Eine innerweltliche Realität und antlitzhafte Person. Dementsprechend hat Jesus auch Herkunft und ist in den heilgeschichtlichen Dialog seines Volkes mit Gott eingespannt. So ist es umso bedauerlicher, wenn das Gedenken an diesen treuherzigen und hingebungsvollen Menschen zu einem banalen Konsumrausch ausartet, wo am Schluss, wie ich es von einem bayrischen Freund vernommen habe, jemand nach dem Festtrunk während der Mitternachtsmesse, wohl ob der Mischung aus Delikatessen, Alkohol und Weihrauch, sich in der Kirchenbank oral entschlackt. Diese Auswüchse minimieren die Weihnachtsbotschaft auf einen Lottogewinn fürs Kurzzeitgedächtnis, eine fade Suppe in einer salzlosen Welt. Zwar kann sich auch in einem bewusst untiefgründig geführten Apérosmalltalk Zuneigung und Sympathie offenbaren, dennoch bleibt dies nur schwacher Abglanz der Liebensenergie die zwischen Vater und Sohn fliesst und an Weihnachten den Menschen geschenkt ist. Advent ist Einstimmung auf die Niederkunft der versöhnenden Allmacht Gottes. Erwartung des Heils, Zuversicht, Festlichkeit.

 

Advent: Erwartung der Widerkunft Jesu aus der Zukunft Gottes

Nun, das Geburtstagfest Jesu ist nicht nur ein Verweis auf dessen Einstmaligkeit. Mahatma Gandhi ist geboren und starb. Ebenso Elvis Presley. Jesus ist geboren, starb und lebt. Hegel hat versucht das in komplizierte Dialektik zu verpacken. Diese Geistesakrobatik müssen wir nicht nachvollziehen, um zu Zeugen der Hoffnung zu werden. Deshalb ist Advent eben nicht nur besinniches Eingedenken eines vergangenen Ereignisses, sondern ebenso Ersehnung der eigenen Zukunft aus der Kraft der Auferstehungfülle Christi. Gott ist nicht nur der in der Krippe Gewesene, sondern auch der aus der Herrlichkeit der Sonnenlichtquelle mit unaustrinkbarem Elixier Wiederkommende. So ist Weihnachten nicht nur nostalgisch, sondern ebenso visionär. Dieser einfache Mensch aus Nazareth ist Besieger des Todes und solange wir ihm an seinem Geburtstag gedenken, ist dies immer auch eine Proklamation seiner Wiederkunft. Und wie er als leibhaftiges Wesen in Windeln gewickelt um Muttermilch winselte, so wird er auch mit diesem Leib wiederkommen. Die Wiederkunft des Erlösers als Richter macht diesen auch zum Schicksal eines Jeden von uns (Diese Formulierung entnehme ich dem lesenswerten Buch : Jesus – Unser Schicksal des evangelischen Predigers Wilhelm Busch, der Teil der Bekennenden Kirche war). Jesus ist Kreuzungspunkt des Universellen und Konkreten: universale concretum. Seine einmalige Ankunft unter Hirten und deren Herden weitet sich durch seine Auferstehung in den Horizont der universellen Menschheitsgeschichte. Deswegen ist jedes Zurück-Denken an seine Geburt auch ein Voraus-Ahnen seiner todlosen Zukünftigkeit die jedem von uns die Hand reichen und ihn so in Empfang nehmen will.

Adventlicher Jesus © Gian Rudin
21. Dezember 2016 | 02:12
von Gian Rudin
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