Trump, Brexit, AfD – frohe Botschaft für Kapitalismuskritiker
Eine These von Denkern wie Karl Marx oder Theodor Adorno ließe sich so zusammenfassen: auch in einer Gesellschaft mit freien Märkten und demokratischen Verfahren sind die Menschen nicht wirklich frei, sondern werden von den Mächtigen manipuliert. Kapitalisten im Besitz von Medienhäusern nutzen diese zur Verführung der Massen, daher läuft die Demokratie am Ende nicht auf die Macht des Volkes hinaus, sondern auf das Brainwashing des Volkes durch das Establishment.
Inzwischen können wir diese These als widerlegt ansehen, spätestens seit dem Wahlsieg von Donald Trump. Dieser beweist, dass sich das Volk nicht vom Establishment brainwashen lässt. Über Monate hat sich praktisch die ganze politisch-kulturelle Elite nicht nur der USA, sondern auch von Europa auf Trump gestürzt, um ihn unmöglich zu machen. Das medial bombardierte Volk sollte sich nicht getrauen, etwas Unerhörtes zu wählen. Ein ähnlicher Vorgang wie beim Brexit oder bei den Wahlsiegen der Deutschen AfD: etablierte Mächte richten ihre moralinsauren Propagandakanonen auf einen Gegner, der sich anmaßt, die Alternativlosigkeit und menschliche Überlegenheit der eigenen Position in Frage zu stellen. Doch der Geist des Volkes weht am Ende, wo er will. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die guten Kämpfer gegen islamophobe oder frauenfeindliche Rechtspopulisten, gegen nationalistische Rassisten und überall aus dem Boden schießende neue Faschisten, dass diese Kämpfer mit genau jenen Mitteln arbeiten, die sie dem Gegner vorwerfen: Schwarz-Weiß-Denken, Hetze, Demagogie.
Der Sieg von Trump hat aber auch etwas mit Originalität zu tun. So abstoßend man ihn auch finden mag, er wirkt wie eine echte Person, in keiner Weise geglättet. Heutzutage ist das schon erfrischend, und das sagt nichts Gutes über unser System. In fast allen Demokratien sind wir daran gewöhnt, dass bei öffentlichen Debatten kaum noch echte Personen auftreten, mit wahrnehmbarer Eigenartigkeit und Fragwürdigkeit, sondern soziodemografisch austarierte Projektionsflächen, glattgeputzt nach dem Geschmack einer bestimmten Zielgruppe. Die politische Korrektheit tötet alle echten Personen im öffentlichen Raum. Wer getraut sich noch, im Fernsehen tatsächlich das zu sagen, was er glaubt, tatsächlich das zu zeigen, was er denkt? Lieber langweilt uns der etablierte Politbetrieb zu Tode, betäubt vom risikofreien Geschwafel austauschbarer Funktionäre. Sicher, im Familien- und Bekanntenkreis gibt es immer noch originelle Menschen mit Ecken und Kanten, aber sie schaffen es in der Regel nicht mehr ins Rampenlicht des öffentlichen Lebens. Denn auf dieser Bühne wird das Merkwürdige, das Mehrheitsunfähige sogleich weggeblendet, zurückgescheucht ins Dunkel der schrägen Vögel und Extremisten. Das ist nicht nur in der Politik, sondern immer mehr auch in der Kulturszene der Fall: zeitgemäße Grössen der Konzertbühne, der Literatur oder des akademischen Betriebs leisten auf ebenso erwartbare wie verwertbare Weise ihren Beitrag. Wie auch Filme und Kunstwerke die gleiche Glättungsmaschine der moralischen Korrektheit durchlaufen, bevor man sie uns zumutet. Eine Maschine, die Donald Trump besiegt und damit das Establishment komplett vorgeführt hat.
Wie immer man die One-Man-Show dieser Person einschätzt, ob es der Untergang der Zivilisation sein wird oder nicht: es handelt sich um einen Wahlsieg, der mehr noch als der Brexit eine gute Nachricht darstellt für alle, die in der politisch-medialen Macht kein Instrument der Volkserziehung sehen. Eine gute Nachricht für alle, die kein Problem damit haben, dass in einer Demokratie, im Rahmen des Grundgesetzes, die Bürgerinnen und Bürger im Chefsessel sitzen.
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