Priesterseminar Chur – was hab ich da bloss gelernt?
Als ich am Bahnhof Chur zwei Männer im Rock sah, war mir sofort klar – wir haben die gleiche Richtung. Wer hier als Soutanen-Träger aussteigt, kann nur zum Bischofshof oder ins daneben liegende Priesterseminar wollen, und in letzterem hatte ich bis Ende letzter Woche Pastoralkurs. Zwei Wochen lang, 12 Männer und Frauen, die zum Teil ihr Studium gerade abgeschlossen haben, zum Teil schon einige Jahre in den Pfarreien arbeiten, jedenfalls alle jetzt im Pastoraljahr des Bistums Chur sind. Insgesamt gut fünf Wochen lang werden wir innerhalb dieses Jahres in Form des Pastoralkurses geschult. Das heisst, jeden Tag eine neue Referentin*, manchmal zwei, jeden Tag ein neues Thema (von Pastoralliturgie bis Pallitave Care), täglich neue Arbeitsmethoden. Weitgehend konstant bleibt da nur unsere Gruppe – und die hat, zumindest für mich, allerhand zu bieten.
Während mir als Pseudo-Intellektueller die Kursinhalte weitgehend bekannt vorkommen (ok, ich hatte auch schon ein Leben vor dem Theologiestudium), finde ich echte Herausforderungen in meinen Mit-Kursteilnehmern** – und sie ziemlich sicher auch in mir. Wir sind theologisch so unterschiedlich, dass wir vermutlich das gesamte Spektrum eines durchschnittlichen Konzils abdecken könnten (an der intellektuellen Brillianz arbeiten wir noch). Das ergänzen wir durch unsere charakterstarken, individuellen Persönlichkeiten (man denke an die 12 Apostel) zu einer Vielfalt, die dieses zeitweise Zusammenleben ganz schön spannend macht. Jedenfalls für mich, vermutlich auch für einige Vortragende. Wir sind aber nicht nach einem Tag abends wieder nach Hause gefahren, sondern zusammen geblieben – und haben geübt, uns zusammenzuraufen. In meinem Fall: mit Menschen, mit denen ich mir die Zusammenarbeit, etwa in einer Pfarrei, nach wie vor nur als schwierig vorstellen kann. Weil es nicht einfach sein kann, wenn einer dank Priesterweihe «von Amts wegen» mehr Macht hat als die Pastoralassistentin, die genauso versucht, ihren Glauben zu leben und zu vermitteln wie er, nur manchmal auf andere Weise. Das ist eine Schwierigkeit, der ich nicht ausweichen kann.
Und trotzdem habe ich gelernt, dass wir einander respektieren können, mit unseren Unterschieden. Vor allem: dass wir zusammen Spass haben können, dass wir menschlich miteinander umgehen können – ohne etwas an unseren Differenzen in Theologie und Arbeitsweise zu ändern.
* Männer sind selbstverständlich mitgemeint
** Frauen sind selbstverständlich mitgemeint
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