Aus Trümmern spriesst neues Leben.
Walter Ludin

Apokalypse meint Hoffnung, nicht Schrecken

Weltuntergangsstimmung herrscht im heutigen Evangelium. Diese Stimmung vom nahenden Ende finden wir jedes Jahr in der Liturgie, wenn das Kirchenjahr bald abgeschlossen ist.

Manchmal ist uns diese Stimmung fremd wie ein Märchen aus vergangenen Tagen. Doch seit einigen Jahren ist es recht anders ist. Ich denke da an das, was im Nahen Osten geschieht, vor allem in Syrien und im Irak. Die Mörderbanden des so genannten Islamischen Staates – aber nicht nur sie – verbreiten Angst und Schrecken.

Im Evangelium wurde die Zerstörung Jerusalems beschrieben. Kein Stein werde auf dem andern bleiben. Heute geschieht ganz ähnliches in Aleppo, in Mossul, vor kurzer Zeit in der uralten Stadt Palmyra. Dort herrscht weit und breit der Gräuel der Verwüstung.

Weiter heisst es im Evangelium: «Man wird euch, Christen und Christinnen, Gewalt antun und euch verfolgen.» In den genannten Ländern und in vielen andern erleben dies Christgläubige Tag für Tag.

Kurz: Menschen, die weiterhin in Syrien, im Irak, in Afghanistan und andern Krisengebieten leben und noch nicht geflohen sind, erleben hautnah und ganz konkret eine Stimmung des Unterganges.

Das, was uns die Evangelien der letzten Sonntage im Kirchenjahr erzählen und das, was in der Geheimen Offenbarung des Johannes steht, nennen wir «apokalyptische Literatur». Dieses Buch des Johannes wird bekanntlich auch als «Apokalypse» bezeichnet.

Wir kennen diesen Begriff «Apokalypse» auch aus der Literatur und dem Kino unserer Zeit. Wir nicht mehr ganz jung ist und filminteressiert, hat wohl 1979 den Film «Apocalypse now» mit Marlon Brando gesehen, zu Deutsch etwa: «Die Apokalypse, der Weltuntergang findet jetzt statt.» Immer noch klingen in meinem Ohren die letzten Worte der englischen Originalfassung nach: «Terror, Horror».

Eben mit diesen Worten geht der Film zu Ende. Und damit unterscheidet er sich ganz wesentlich von dem, was die Apokalypse in der Bibel meint. Dort geht es zwar auch um Bilder des Terrors und des Horrors. Sie sind aber keineswegs das Ende.

Gottes Wort will uns nicht in Angst versetzen, auch wenn es das Übel der Welt nicht ausblendet. Nicht Furcht und Schrecken stehen am Schluss. Das Ende und das Ziel aller apokalyptischen Literatur der Bibel ist genau das Gegenteil: die Ermutigung, die Hoffnung, dass es letztlich gut ausgehen wird. So wie es im heutigen Evangelium ganz am Schluss heisst: «Bleibt standhaft und ihr werdet das Leben gewinnen.»

Wenn wir diese Verheissung beim Wort nehmen, sehen wir: Nicht der Tod, nicht die Vernichtung, sondern das Leben, die Hoffnung haben das letzte Wort.

Denn: Die Apokalypsen des Alten wie des Neuen Testaments wollen uns nicht unterhalten, indem sie uns das Gruseln beibringen wie ein guter Unterhaltungsfilm oder ein spannendes Buch. Ihr Zweck ist ganz eindeutig: die Ermutigung, mitten im Elend auszuhalten.

Es gibt in der Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte eindrückliche Beispiele einer solchen hoffnungsvollen Haltung mitten in Gewalt und Elend. Die meisten von uns kennen das Schicksal des protestantischen Pfarrers Dietrich Bonhoeffer. Im Nazigefängnis, als zum Tode Verurteilter schreib er das berühmte, später zu einem Lied vertonte Gedicht:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Bonhoeffer schöpfte seinen Mut nicht zuletzt aus dem Römerbrief, den ich für heute als 1. Lesung ausgewählt habe: Kurz zusammengefasst heisst es dort: «Wenn Gott für uns ist, was kann uns kann noch schaden? Nichts und niemand.»

Im Römerbrief steht auch der Segenswunsch, den euch mitgeben möchte: «Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.»

Predigt in Langnau i. E.: So 9.30 Uhr und Luzern, Kloster Gerlisberg, So 17 Uhr

Aus Trümmern spriesst neues Leben. | © Walter Ludin
11. November 2016 | 17:56
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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