«Er wird viel römischer sein»
Im Juli 1963 schaut Yves Congar auf die bewegten vergangenen Wochen zurück und formuliert eine erste Einschätzung des neuen Papstes.
«Kardinal Montini ist ein überaus intelligenter und informierter Mensch. Er hinterlässt einen tiefen Eindruck von Heiligkeit. Er wird das Programm Johannes’ XXIII. aufnehmen, aber wohl nicht in der Weise Johannes’ XXIII. und vielleicht nicht ganz in seinem Geist. Er wird viel römischer sein, mehr von der Art Pius’ XII. Wie Pius XII. wird er die Dinge ausgehend von Ideen bestimmen wollen, und sie nicht einfach, ausgehend von einer Bewegung des Herzens, wachsen lassen wollen. Er wird die Welt genauso lieben, aber im Zeichen der Sorge» (Co 1,385).
Eine erste Erfahrung mit Papst Paul VI. hat Congar bereits gemacht: Bei einmal Anlass in Caen zum Thema der demokratischen Gesellschaft wurde ein Brief von Paul VI. verlesen, der Congar sehr an Pius XII. erinnert hat. «Das ist eine Art kleine Enzyklika, in der die wohlausgewogenen Ideen sich gegenseitig neutralisieren. Es ist ein vollständiges Exposé, aber sehr abstrakt, das alles enthält, was man denken, vorsehen, vermeiden muss … Gewiss, das ist nun einmal die Art solcher Texte. Aber diese Art ist ziemlich ungeniessbar. Sie hat den Geruch von Paternalismus». Deswegen denkt Congar etwas wehmütig an Papst Johannes XXIII. zurück: «Johannes XXIII. hatte Vertrauen in die Menschen, Vertrauen in die Kirche, die er sich frei hat ausdrücken lassen. Das war das Geheimnis der Öffnung, die er ermöglicht hat» (Co 1,385).
(emf)
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