Besinnliches zu einem Klassentreffen
(Predigt zum Treffen der Klasse Jahrgang 1945/1946 Grosswangen)
Wir sind zwar unterschiedliche Menschen. Aber eines verbindet uns: die Herkunft und eine gemeinsame Geschichte, die einen ganz entscheidenden Zeitraum umfasst; eine Zeit, in der wir besonders geprägt wurden.
Wir sind dann ganz unterschiedliche Wege gegangen. Aber die gemeinsame Vergangenheit kann niemand und nichts auslöschen.
Und wir sind trotz allen Verschiedenheiten auch in einer ganz ähnlichen Lage. Diese ist vor allem davon geprägt, dass wir längst nicht mehr geplagt werden von einer Midlife-Crisis, eine Krise der Lebensmitte. Denn diese ist längst vorbei.
Unsere Situation ist vielleicht auch geprägt durch die Frage: Wo ist die Zeit geblieben? Hin und da kommt es uns vielleicht vor, es sei gestern gewesen, wo wir im gleichen Schulzimmer gesessen sind.
Ja, wo ist die Zeit geblieben? In einem Schlager von Freddy Quinn heisst es:
Vergangen, vergessen, vorüber.
Vergangen, vergessen, vorbei.
Wir müssen sicher eine kleine Textkorrektur anbringen: die Zeit – leider die längste Zeit unseres Lebens- ist zwar vorüber und vorbei. Aber vergessen? Nein, wenn wir einigermassen geistig gesund sind mit noch wenig Anzeichen von Alzheimer, dürfen wir uns an vieles erinnern:
- an Freude, Erfolg, Sachen die gelungen sind, an Lustiges
- oder mit Blick in die aktuelle Weltlage wollen wir zum Erfreulichen auch unsere Heimat zählen. Sie wurde nicht zerstört wie die Heimat von Millionen und Abermillionen. Wir mussten nicht alles zurücklassen und fliehen wie 65 Millionen Menschen.
Wir wollen uns aber auch an Schwieriges, Schweres erinnern: vielleicht Krankheiten, Misserfolg im Beruf, das Verschwinden von Träumen, den Tod lieber Menschen.
Man kann auch sehr zynisch sagen: «Was uns nicht umgebracht hat, hat uns stark gemacht.»
Auf jeden Fall: Was wir an Gutem und weniger Gutem erlebt haben, bleibt. Es gibt dazu ein sehr schönes Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko. Als ich am letzten Donnerstag eine Klosterführung für eine Maturaklasse von 1953 hielt, hat der Klassenchef es in der Totenehrung vorgetragen:
«Wenn ein Mensch stirbt,
dann stirbt mit ihm sein erster Schnee
und sein erster Kuss und sein erster Kampf…
all das nimmt er mit sich.»
Ja, unsere Erinnerungen davon tragen wir durch unser ganzes Leben.
Wenn wir zurückschauen auf unser Leben, dürfen wir – so hoffe ich – ein berühmtes Chanson von Reinhard May abändern, das auf das alte Jahr zurückblickt und den Refrain hat: «Ich denke, es war ein gutes Jahre.» Also abgeändert: «Ich denke, es war ein gutes Leben.»
Wir wollen aber nicht vergessen, dass das gute Leben ein Geschenk ist, zuerst und vor allem ein Geschenk von Gott. In einem Schöpfungspsalm heisst es: «Wenn du den Atem zurückziehst, sterben deine Geschöpfe.»
Unser Leben ist und bleibt aber auch ein Geschenk von unzähligen Menschen: angefangen von unsern Eltern, unsern Lehrern, bis zu den Partnern/Partnerinnen oder im Kloster bis zu den Mitbrüdern.
Wir haben ganz kurz zurückgeblickt. Wir wollen aber auch vorausblicken. Wer nicht mehr in die Zukunft schauen kann oder will, ist geistig schon tot.
Ich habe es schon angetönt. Die meiste Zeit unseres Lebens ist schon vorbei. Dazu nochmals ein Psalmzitat: «Schenke uns Weisheit und lehre uns, unsere Tage zu zählen.»
Ja, es gehört zur Lebensweisheit, die Tatsache nicht zu verdrängen, dass unsere Zeit recht begrenzt ist. Es gehört ebenso zur Weisheit, wegen dem nicht depressiv zu werden, sondern den Mut zu behalten, die Zuversicht und die Hoffnung.
Erst gibt wohl keinen schönern Text aus dem 20. Jahrhundert als das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer. Er ist noch eindrücklicher, wenn wir wissen, dass dieser grosse protestantische Theologe, den Texten gegen Ende des 2. Weltkrieges, also kurz vor unserer Geburt, als zum Tode Verurteilter in einem Gefängnis geschrieben hat:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Ganz zum Schluss: Wir wollen in dieser Messe Gott danken, für alles, was er in unserem Leben geschenkt hat. Wir wollen ihm auch danken für die Zuversicht, dass er bei uns ist an jedem Tag, der uns weiterhin geschenkt wird.
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