Walter Ludin

Wir müssen das «Christentum» verteidigen

Auch Muslim-Feinde brauchen offenbar Ferien. Jedenfalls habe ich am letzten Montag bei einem Besuch in Leipzig nichts von einer PEGIDA- oder LEGIDA-Demo mitbekommen, die dort jeweils an diesem Tag mit viel Getöse stattfindet. Aber um die entsprechende Ideologie kennenzulernen, muss man nicht in den Osten Deutschlands reisen.

Nicht nur in Leipzig, Dresden oder anderswo in der ehemaligen DDR gibt man an, «christliche Werte» zu verteidigen. Auch hierzulande sieht man das christliche «Abendland» bedroht, zum Beispiel an der Spitze der CVP. Daniel Kosch, der Generalsekretär der landeskirchlichen RKZ, warnt in einem neuen Kommentar von entsprechenden Verteidigungsübungen. Zurecht betont er, dass nicht Muslime dafür verantwortlich sind, wenn das Christentum serbelt:

«Sind die Muslime dafür verantwortlich, dass viele Menschen – auch Mitglieder der grossen Kirchen – nicht mehr wissen, was Weihnachten bedeutet, kein Tischgebet mehr sprechen und bei Ostern vor allem an Schokoladehasen denken? Liegt es an den anderen Religionsgemeinschaften, dass immer weniger Christen und Christinnen sich unter «Bergpredigt» oder dem «Gleichnis vom barmherzigen Samariter» etwas vorstellen können?»

Ich möchte hier die These meines Kapuzinermitbruders Paul Hinder anfügen. Der Bischof von Arabien wird nicht müde zu betonen, die Gefahr käme nicht von der Stärke der (zugereisten) Muslime, sondern von der Schwäche der hiesigen Christen.

Daniel K. fährt in seinem Kommentar fort, wo die «Angreifer» und die «Bedrohungen» des Christentums und seiner Werte tatsächlich zu orten sind: «In der Gleichgültigkeit, in der Hartherzigkeit, in der Intoleranz, in der Abgrenzung und Abwehr, im Wegschauen wo Menschen in Not sind, in der Absolutsetzung von Konsum und Wohlstand etc.»

Mit andern Worten: Der christliche Glaube kann nicht durch lautstarke Demos, unfaire Angriffe gegen Andersglaubende oder durch schöne Worte verteidigt werden. Gefragt sind Taten, die christliche Werte wie Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Toleranz und Gastfreundschaft sichtbar machen. Tragisch: Gerade jene, die meinen, das Christentum zu verteidigen, sündigen dadurch, dass sie solche Werte geradezu ablehnen oder ihre Träger als «Gutmenschen» verspotten.

Kreta | Walter Ludin
22. Juli 2016 | 00:44
von Walter Ludin
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