Ordensleben auf dem Weg zu grösserer Weite
«In der Kürze liegt die Würze» – gemäss diesem deutschen Sprichwort äusserte sich Kardinal Döpfner in der Sitzung der Koordinierungskommission vom 27. März 1963 lobend über die rigorose Kürzung des Schemas zum Ordensdekret. Zumindest darüber. Denn dann wiederholte er seine schwerwiegenden Kritikpunkte: Es fehle der christologische Charakter des Ordenslebens, seine zeichenhafte Funktion in der Kirche und die Verbundenheit der Ordensleute mit den anderen Gliedern des Volkes Gottes. Der Spielraum für den Erneuerungsprozess der Orden soll nicht so eng gefasst werden. Die Welt werde einseitig negativ gesehen, anstatt sie auch als Schöpfung Gottes und als Ort zu verstehen, «an dem Christus mittels der Kirche durch seinen Geist gegenwärtig» ist (zit. nach Joachim Schmiedl). Ein Teil der Koordinierungskommission stimmte Kardinal Döpfner zu, ein anderer war mit dem vorliegenden Schema zufrieden. Die Ordenskommission schloss (voreilig) daraus, dass der Entwurf keine grössere Bearbeitung bräuchte. Das rief im Folgenden Protest hervor. Dabei ging es auch darum, dass den Orden geholfen wird, «aus ihrer vielfach engen Mentalität etwas heraus[zu]kommen in eine grössere Weite hinein» (Karl Rahner 22.4.1963).
Gleichzeitig wurde das Kirchenschema besprochen. Hier diskutierte man im Blick auf die Orden die Frage, ob es ein eigenes Kapitel geben soll oder ob die Aussagen über das Ordensleben in ein Kapitel über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit integriert werden. Kardinal Suenens und andere wollten damit dem Eindruck wehren, «dass Vollkommenheit und Heiligkeit gleichsam Monopole sind, die für die Religiosen reserviert sind» (Relatio vom 28.3.1963). Er setzte hinzu, dass diese neue Anordnung «von allen Gläubigen […] gut und zustimmend angenommen werden» würde. Dieser «Kapitelstreit» zog sich über längere Zeit hinweg. Letzendlich entstanden zwei aufeinanderfolgende Kapitel, die auf dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte zusammen gelesen werden müssen.
(Sr. Anneliese Herzig MSsR)
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