Walter Ludin

Verbrechen mit dem Etikett «muslimisch»

Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es auf meiner Ferieninsel Kreta Fälle von Blutrache. Es gibt sie vielleicht sogar heute noch. Und doch spricht niemand von «orthodoxer» Blutrache. Ebenso wenig spricht man von «katholischem» Ehrenmord, wenn ein solcher auf Sizilien vorkommt. Wenn aber solche Verbrechen in einem Land geschehen, in dem der Islam vorherrscht, bekommen sie hierzulande sehr rasch das Etikett «muslimisch». Obwohl sie wie die beiden ersten Beispiele nicht in einer Religion gründen, sondern Teil einer archaischen Kultur sind –egal, welcher Religion die Menschen angehören. Dies ging mir durch den Kopf, als ich im SPIEGEL in einer Kolumne von Jakob Augstein las zu den muslimfeindlichen Werken von Sarazzin, Broder, Giordano, Safranski & Co:
«Kulturelle, soziale, politische Phänomene, die in islamisch geprägten Regionen zu beobachten sind, wurden erst zu typischen Eigenschaften des Islam erklärt – dann zu solchen der einzelnen Muslime.»
Etwas kompliziert formuliert –aber nicht weniger wahr.
Augstein zitiert sodann den Schriftsteller Rafik Schami: «Die Islamophopie ist der salonfähige Antismitismus.»

6. Mai 2016 | 01:13
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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