Walter Ludin

Wie religiös sind die Terroristen?

«Lausige Muslime» seien die IS-Terroristen, meinte der französische Journalist Nicola Hénin, der zehn Monate in der Gefangenschaft der Terrorbande war. Wir würden der Religion der IS zu starkes Gewicht beimessen. Wenn wir dies ernst nehmen, wird sich unser Verhältnis zum Islam um einiges entspannen.
Was bedeutet es, wenn 70 Prozent der französischen Familien, deren Kinder dem IS folgten, Atheisten sind und 80 Prozent keinen direkten oder länger zurückliegenden Bezug zur Einwanderung haben, wie der französische Auslandsgeheimdienst erfahren haben will? Was bedeutet es, wenn ein Grossteil der Jihadisten, wie es Hénin ausdrückt, «ziemlich lausige Muslime» sind, die oft nicht mehr als ein paar arabische Floskeln zum Besten geben können? Es bedeutet, dass wir in unserer Analyse des IS der religiösen Komponente zu viel Gewicht beimessen und der kriminellen zu wenig. Dass wir der Propaganda des IS auf den Leim gehen, wenn wir seinen Kämpfern fromme Motive unterstellen und seine Weltanschauung nicht als das entblössen, was sie in Wirklichkeit ist: eine im Kern nihilistische («Jagen wir die Welt in die Luft!»), gespeist aus Rachegefühlen (gegen die ungerechte Welt), Allmachtsphantasie und Todeskult.

22. April 2016 | 01:23
von Walter Ludin
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