Flüchtlinge: Barmherzigkeit in den Zeiten der Globalisierung
Die Bibel gilt vielen als ein verstaubtes Buch, als völlig veraltet. Auch das so genannte Neue Testament ist ja auch schon fast 2000 Jahre alt. Was sollen diese Texte aus einer ganz andern Zeit uns modernen oder postmodernen Menschen noch etwas sagen?
Die beiden heutigen Lesungen demonstrieren uns, dass diese Vorstellungen völlig falsch sind. Auch im Jahr 2016 haben biblische Texte ihre Brisanz noch nicht verloren.
Dazu eine kleine Geschichte: Vor etlichen Jahren gab es in einer Grossstadt eine Bombenwarnung. Ein verdächtiges Paket lag auffällig auf einer Strasse. E gab eine Bombenwarnung. Als eine Spezialeinheit das Paket untersuchte, entdeckt sie: Eine Bibel lag darin. – Ja, wenn wir die heutigen Lesungen anschauen, sehen wir mehr oder weniger überrascht, dass auch sie eine Sprengkraft enthalten.
In der ersten Lesung aus dem 1. Korintherbrief und noch deutlicher im Galaterbrief betont Paulus, dass es keine Unterschiede gibt zwischen «Juden und Griechen, Sklaven und Freien». Zwar geht es dabei in erster Linie um die Einheit der Getauften. Aber wenn war das Evangelium anschauen, dürfen wir diesen Einheits-Gedanken auf die ganze Menschheit ausdehnen. Jesus sieht sogar in einem Fremden – dem barmherzigen Samariter – ein Vorbild des Handelns.
Die Vorstellung, dass jeder Mensch wichtig und wertvoll ist, hat – um diesen Ausdruck wieder zu gebrauchen – in unsern Tagen eine besondere Sprengkraft. Stichwort «Globalisierung». Was irgendwo geschieht, kann Auswirkungen auf die ganze Welt haben. Die Zeiten sind längst vorbei, da ein Bürger in Goethes Faust sagen konnte:
Nichts Bessers weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, Wenn hinten, weit, in der Türkei, Die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man abends froh nach Haus, Und segnet Fried und Friedenszeiten.
Nein, in jeder Zeitung und in jeder Tagesschau erfahren wir es: Wenn weit hinten in der Türkei etwas Schlimmes geschieht, stehen die Opfer bald einmal buchstäblich vor unserer Haustüre. Was irgendwo geschieht, hat sehr oft Auswirkungen auf unsern Alltag:
Es gibt dazu genügend Beispiele:
– Wenn in den USA eine Finanzkrise ausbricht, sind unsere Pensionen und Renten in Gefahr.
– Wenn eine Gruppe verrückter Terroristen Anschläge plant, sind wir auf unsern Strassen und Plätzen nicht mehr sicher.
– Wenn in Kriegen Städte bombardiert werden, kann keine Grenze die Flüchtlinge aufhalten.
Erlauben Sie mir, dass ich beim letzten Bespiel bleibe, da es von allerhöchster Aktualität ist – und uns alle ratlos macht: den Flüchtlingen. Und gerade hier ist die Aussage des heiligen Paulus ein Wegweiser: «Es gibt weder Juden noch Griechen …»
Dazu einige Stimmen aus den vergangenen Tagen:
– Am Donnerstag habe ich mit einigen Mitbrüdern eine internationale Studienwoche der Kapuziner zum Thema Flüchtlinge vorbereitet. Dabei fanden wir den Titel eines Referates, das ein Franziskaner hielt, den wir auch für unser Treffen einladen: «Sie reden von Migranten und Migrantinnen – wir reden von Menschen.» Besser könnte man das Paulus-Zitat nicht aktualisieren…
– Ähnlich der Münchner Kardinal Marx: «Jeder Mensch unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft ist ein Bild Gottes.» Zwar hat eine christliche Politikerin dem Kardinal vorgeworfen, man könne solche Aussagen nicht einfach 1:1 in die Politik umsetzen. Dies stimmt. Aber die Einsicht sollte eine Grundhaltung hervorrufen.
– Diese Grundhaltung vertritt der Wiener Kardinal Schönborn. Er selber stammt aus einer Flüchtlingsfamilie. Am Ende des 2. Weltkriegs musste seine gräfliche Familie von Böhmen nach Österreich fliehen und ihre ganze Habe zurücklassen. So fällt es dem Kardinal leicht, sich in die Lage der Flüchtlinge hinein zu versetzen. Er warnte vor einigen Tagen: «Kein Eiserner Vorhang kann die Flüchtlinge abhalten.» Ob wir es wollen, kommen sie zu uns. Darum meint Kardinal Schönborn: «Gerade heute braucht es in der Politik das Prinzip Barmherzigkeit.»
– Und noch eine letzte Stimme, ebenfalls von dieser Woche: Unser Bischof Felix Gmür sagte (vor)gestern Freitag in einem Interview: Der wichtigste Rohstoff der Schweiz ist die soziale Stabilität. Die Schweiz hat es immer verstanden, das Fremde zum Partner zu machen, zu lernen, zu integrieren. Was wäre unsere Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport, Kirche ohne Ausländer? Und Felix fügte hinzu: Wenn es um Menschenrechte und Menschenwürde geht, darf die Kirche nicht schweigen.
Die Kirche kann sich dabei auf ihren Gründer Jesus Christus berufen, der im heutigen Evangelium, in seiner ersten Predigt bekennt:
«Gott hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Wie Sie, liebe Gläubige wissen, hat auch der Papst ein Gnadenjahr ausgerufen, das Jahr der Barmherzigkeit. Darum zum Schluss: Sind wir bereit, dazu einen Beitrag zu leisten durch ein barmherziges, mit-menschliches Verhalten gegenüber den Flüchtlingen?
Elisabethenheim Luzern, Sa. 16.30; Kloster Wesemlin, So 8.00 und 10.00 Uhr
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