In welchem Verhältnis stehen Juden und Christen zueinander? Ein bemerkenswertes vatikanisches Dokument /von Kardinal KuKo)
Wegen denDiskussionen über den Konflikt in Israel/Palästina tritt die Frage in den Hintergrund, wie die Beziehungen der Christen zu den Juden auf verantwortliche und theologisch saubere Weise dargestellt werden kann. In diese Lücke tritt in neues vatikanisches Dokument. Es wurde in der FAZ gewürdigt:
Das Dokument, das von der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum unter Federführung von Kardinal Kurt Koch verfasst wurde, hält fest, aus einander skeptisch gegenüberstehenden Gemeinschaften seien seit dem Konzil «verlässliche Partner, ja gute Freunde» geworden. Ausdrücklich würdigt es die theologische Sonderstellung des Judentums, das wegen seiner konstitutiven Bedeutung für die Kirche eine andere Behandlung verdiene als die anderen nichtchristlichen Religionen. Was wäre die Kirche ohne das Bekenntnis zum einen Gott, ohne die Ethik der Zehn Gebote, ohne die Psalmen? Die unterschiedliche Beurteilung der Gestalt Jesu aber trenne Juden und Christen bis heute. Zwar sei die Lehre Jesu nur im jüdischen Horizont angemessen zu verstehen, zugleich aber sei der göttliche Autoritätsanspruch Jesu für Juden ein bleibender «Stein des Anstosses».
Der langwierige Prozess der Trennung der Kirche von der Synagoge wurde katholischerseits bisher so erklärt, dass sich das Christentum als Tochter- vom Judentum als Mutterreligion abgenabelt habe. Das Dokument spricht hingegen vom sich formierenden Christentum und vom nachbiblischen rabbinischen Judentum als «Geschwistern», die demselben Mutterboden entstammten, sich dann aber auseinandergelebt, ja verfeindet hätten. Zu dieser Konfliktgeschichte merkt es lapidar an: «Von den Christen wurden die Juden oft als von Gott verdammt und blind dargestellt, weil sie in Jesus nicht den Messias und Heilsbringer erkennen konnten. Von den Juden wurden die Christen oft als Häretiker gesehen, die nicht mehr den von Gott vorgegebenen Weg befolgten.» – Der kirchliche Antijudaismus hatte allerdings für die jüdische Minderheit in der europäischen Geschichte ungleich düsterere Folgen als der jüdische Antichristianismus für die Christen.
Den langen Schatten der Shoah hat das Zweite Vatikanische Konzil als Anstoss aufgenommen, jedem Antijudaismus abzuschwören und den Dialog mit dem Judentum auf gleicher Augenhöhe aufzunehmen. Auf dieser Linie hat Johannes Paul II. betont, das Judentum stehe im «ungekündigten Bund». Damit trat die Frage auf den Plan, ob Jesus für das Judentum keine Bedeutung habe. Die These von den zwei Heilswegen, die von vielen Akteuren im christlich-jüdischen Gespräch vertreten wird, bejaht dies: Für Juden sei allein die Tora der Weg zum Heil, für die Weltvölker hingegen Jesus Christus. Diese These klingt elegant und erspart den Juden die Zumutung, dass Christus auch für sie der Retter und Heiland sein soll. Sie hat allerdings den Nachteil, dass sie den Glauben der Kirche an die universale Heilsbedeutung Jesu Christi einschränkt. Dieser Preis ist den Autoren des Dokuments offensichtlich zu hoch. Mit erstaunlicher Deutlichkeit weisen sie die These von zwei parallelen Heilswegen zurück und geben zu verstehen, dass Jesus, der Messias aus Israel, auch der Messias für Israel sei.
Damit ist ein heikler Punkt berührt. Denn gerade die Christologie ist in der Geschichte immer wieder als Speerspitze des Antijudaismus missbraucht worden. Am Karfreitag, dem Gedenktag des Kreuzestodes Christi, kam es zu antijüdischen Ausschreitungen gegen die vermeintlichen «Gottesmörder», durch Zwangspredigten wurde versucht, die Juden zu bekehren – Massnahmen, die im kollektiven Gedächtnis des Judentums traumatische Spuren hinterlassen haben. Mit der neuerlichen Betonung der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi steht die Frage im Raum, ob Juden nun wieder missioniert werden sollen. Nein!, lautet die nicht minder entschiedene Auskunft des Dokuments. Die Frage, wie und wann Israel, das bisher nicht zur Anerkennung Jesu als Messias gefunden habe, gerettet werde, verweise in das «Mysterium» Gottes selbst. Mit dem Apostel Paulus wird die Frage nach der Rettung Israels in die Endzeit verschoben – als könne der Riss, der das eine Gottesvolk in Juden und Christen geteilt hat, am Ende nur durch den Messias selbst geheilt werden.
Auf jüdischer Seite wird die Betonung der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi kaum Zustimmung finden, auch wenn sie durch die Absage an die Judenmission abgemildert wird. Aber die eschatologische Perspektive könnte auch eine neue Allianz der Erwartung freisetzen, jedenfalls dann, wenn jüdische Messias-Erwartung und christliche Wiederkunftshoffnung ein gemeinsames Zeugnis gegen die wachsende Hoffnungsmüdigkeit in den westlichen Gesellschaften setzen würden.
Nachbemerkung: An dieser Stelle wurde mir schon öfters Antisemitismus vorgeworfen. Doch, wenn «gerühmt sein muss» (Paulus): Ich habe vor etlichen Jahren öfters Artikel verfasst, die zum Verständnis des Judentums beitrugen. Der christliche Judaist Clemens Thoma, ein alter Freund von mir, hatte mich öfters als Berichterstatter an Veranstaltungen des von ihm geleiteten christlich-jüdischen Instituts an der Theologischen Fakultät Luzern eingeladen. Und an zahlreichen dt. Katholikentagen, an denen ich teilnahm, besuchte ich immer Veranstaltungen des Basler Juden Ernst Ludwig Ehrlich, der meine Berichte darüber sehr schätzte. Nur so wenig zu meinem «Antisemitismus» …
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