Walter Ludin

«Gefasel» zu einem 70. Geburtstag

Nachdem mein runder Geburtstag schon fast zwei Wochen zurückliegt, kann ich den folgenden Text (Kolumne «tagebuch» der ref. Presse) veröffentlichen, ohne dass jemand sich gezwungen fühlt, mir zu gratulieren. Jenen aber, die es schon getan haben, herzlichen Dank.
«Die Jahre bedeuten gar nichts. Wer dumm ist und nichts gelernt hat, faselt mit siebzig noch gerade so wie mit siebzehn." Diesen Spruch von Theodor Fontane finde heute als Neuzugang in der grössten Internet-Aphorismensammlung www.aphorismen.de (die übrigens mein leider verstorbener Freund Peter Schumacher gegründet hat). Ich finde ihn ausgerechnet eine halbe Woche vor meinem 70. Geburtstag.
Und damals, mit 17, habe ich damals «gefaselt»? Na ja, ich erinnere mich, wie ich an meinem 17. Geburtstag einem Freund gesagt habe: «Heute fängt mein Leben an.» Ich zitierte damit den Kroaten Ivo Robić und sein Lied, das ein Jahr zuvor ein grosser Hit war: «Mit siebzehn fängt das Leben erst an.»
Nochmals: Ob ich mit siebzehn «gefaselt» habe? Nun, da ich schon damals nervöse Herzbeschwerden (eine «vegetative Dystonie») hatte, sagte ich Klassenkollegen: «Ich werde nicht 45. Schon vorher sterbe ich an einem Herzinfarkt.» Einige von denen, die meine Prognose hörten, traten mit mir in den Orden ein. Als ich 40 war, erinnerten sie mich: «Du hast immer gesagt, du werdest nicht 40.» Vergeblich versuchte ich sie zu korrigieren: «…45 habe ich gesagt!» Zu meinem 40. Geburtstag schenkten sie mir dennoch einen Friedhofkranz mit persönlicher Widmung …
Ich überlebte die «Totenfeier» frisch und fröhlich. Viele Jahre später kam eine andere Version des Lebensanfangs auf den Markt: von Udo Jürgens das Chanson «Mit 66 fängt das Leben erst an.» Es traf sich, dass kurz zuvor mein Leben fast zu Ende ging (zwei Krebse, eine Metastase …). Als ich dank OPs und Chemotherapien genesen war, sagte ich einem Freund, der mich nach meinem Befinden gefragt hatte: «Es geht mir gut. Ich könnte ja schon drei Mal tot sein.» Er meinte: «Wir brauchen dich noch. Und zum Totsein hast du noch lange Zeit.»
Wenigstens der zweite Satz stimmt. Und: Ob man mich wirklich noch – zum Schreiben – braucht, sei dahin gestellt. Ich produziere jedenfalls weiterhin Texte. Sind sie «Gefasel»? Andere mögen es beurteilen …

5. Dezember 2015 | 01:13
von Walter Ludin
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