Walter Ludin

Der Islam muss «traditioneller» werden, nicht «moderner»

«Sie fordert von uns ein neues Denken und Sprechen über den Islam.» So kommentiert die FAZ die Rede, welche der syrische Muslim Navid Kermani gehalten hat, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des dt. Buchhandels.
Sie hat auch mich zum Umdenken angeregt. Denn:
«Oft ist zu lesen, dass der Islam durch das Feuer der Aufklärung gehen oder die Moderne sich gegen die Tradition durchsetzen müsse. Aber das ist vielleicht etwas zu einfach gedacht, wenn die Vergangenheit des Islams so viel aufklärerischer war und das traditionelle Schrifttum bisweilen moderner anmutet als der theologische Gegenwartsdiskurs. Goethe und Proust, Lessing und Joyce haben schliesslich nicht unter geistiger Umnachtung gelitten, dass sie fasziniert waren von der islamischen Kultur. Sie haben in den Büchern und Monumenten etwas gesehen, was wir, die wir oft genug brutal mit der Gegenwart des Islams konfrontiert sind, nicht mehr so leicht wahrnehmen. Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.»
Also: Nicht mehr Moderne, sondern mehr Tradtion. So heisst die Losung des Autors, die er anhand seines Studiums belegt:
«Ich habe 1988 angefangen, Orientalistik zu studieren … Und ich, nein: wir Studenten konnten und können nur staunen über die Originalität, die geistige Weite, die ästhetische Kraft und auch humane Grösse, die uns in der Spiritualität Ibn Arabis, der Poesie Rumis, der Geschichtsschreibung Ibn Khalduns, der poetischen Theologie Abdulqaher al-Dschurdschanis, der Philosophie des Averroes, den Reisebeschreibungen Ibn Battutas und noch in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht begegnen, die weltlich sind, ja, weltlich und erotisch und übrigens auch feministisch und zugleich auf jeder Seite durchdrungen vom Geist und den Versen des Korans.
Und dieser Koran sei ein poetisches Meisterwerk, voller Schönheit – reich an Barmherzigkeit:
«Was aber geschieht, wenn man die sprachliche Struktur eines Textes missachtet, sie nicht einmal mehr angemessen versteht oder auch nur zur Kenntnis nimmt, das lässt sich heute überall in der islamischen Welt beobachten. Der Koran sinkt herab zu einem Vademekum, das man mit der Suchmaschine nach diesem oder jenem Schlagwort abfragt. Die Sprachgewalt des Korans wird zum politischen Dynamit.»
Zugegeben: Diese Argumentation sind intellektuell anspruchsvoll. Sie dürften wohl Biertisch-Ideologen nicht überzeugen.

27. Oktober 2015 | 01:18
von Walter Ludin
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