Walter Ludin

Von Buchenwald nach Lampedusa

Ich nehme an, dass nicht alle unsere ausländischen Freunde meinen Gastbeitrag auf dem Internetportal www.kath.ch gelesen haben, der vorletzte Woche erschien. Darum dokumentiere ich ihn hier.
Die grösste Katastrophe ist das Vergessen
Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Die Reaktionen der Menschen in den Zielländern dieser Flüchtlinge sind teils sehr ungehalten. Hat die Menschheit, hat Europa aus den Schrecken der Nazi-Herrschaft etwas gelernt?
Hier werden Erinnerungen wach an eine der fruchtbarsten Epochen der deutschen Geschichte: in Weimar. Als ich neulich dort war, habe ich mich nicht nur mit Goethe und Schiller befasst; sondern auch mit einem Mann, der für die furchtbarste Zeit Deutschlands und Europas verantwortlich ist: mit Adolf Hitler.
Mit Erstaunen erfuhr ich, dass Weimar schon 1932 von den Nazis regiert wurde, also ein Jahr vor der Machtergreifung durch die NSDAP im deutschen Staat. So lag es nahe, dass die Stadtväter froh waren, dass in der Nähe ein Konzentrationslager eröffnet wurde: Buchenwald. Es war – auch das musste ich mit Erstaunen erfahren – das grösste KZ auf deutschem Boden. Hier war etwa eine Viertelmillion Menschen gefangen, rund 56’000 davon starben.
Tief erschüttert trafen die Besatzungstruppen dort nach Kriegsende auf Berge von Leichen und Tausende von halbtoten Insassen. Sie zwangen die Bevölkerung, sich mit diesem Grauen zu konfrontieren. Eine US-amerikanische Journalistin, die mit den Leuten sprach, hörte immer wieder: «Wir haben nichts gewusst.» Dies sei die neue deutsche Nationalhymne, schrieb sie sarkastisch. Verdrängen und vergessen; das war so bequem.
Szenenwechsel: Auf der Rückfahrt von Buchenwald in die Stadt sah ich mehrere grosse Plakate mit der Aufschrift: *Die grösste Katastrophe ist das Vergessen.» Darunter stand: «12 Millionen Menschen aus Syrien und dem Irak sind auf der Flucht.»
Was hat das eine mit dem andern zu tun? Beidem – dem Nazi-Terror und der Flüchtlingskatastrophe – begegneten und begegnen viele Menschen mit dem gleichen Mechanismus: wegschauen. Denn: «Was man nicht weiss, machte einem nicht heiss.»
Ist es wirklich so einfach?
 

10. August 2015 | 01:35
von Walter Ludin
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