Medien-So: Was ist Wahrheit?
Ich schlage vor: Beginnen wir mit dem Ende, nämlich mit dem Schluss des heutigen Evangeliums, wo Jesus zum Vater betet: «Dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich auch sie – die Jünger und Jüngerinnen – in die Welt gesandt.»
Und ich schlage weiter vor: Befassen wir uns einige Minuten mit dem Begriff Wahrheit. Er passt nämlich sehr gut zum heutigen Mediensonntag, zu dem wir von Papst Franziskus und von unsern Bischöfen eingeladen sind.
In der Bibel treffen wir ihn auf ganz unterschiedliche Weise an:
Da ist die Verkündigung Jesu, der von sich sagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Damit werden wir eingeladen, uns nicht nur mit oberflächlichen, mit sensationellen Wahrheiten zu befassen, mit der uns die Medien Stunde für Stunde berieseln. Wir sollen uns auch Zeit nehmen für die ewigen Wahrheiten, die uns in der Bibel geschenkt sind.
Und da ist die Verheissung: «Die Wahrheit wird euch frei machen.» Ich verstehe dies als Einladung, auch dann zur Wahrheit zu stehen, wenn es uns schwer fällt; auch wenn es für uns einfacher und bequemer wäre, ein bisschen zu lügen.
Dann aber finden wir im Evangelium auch die Frage des Pilatus: «Was ist Wahrheit?» Die Bibelwissenschafter sind sich nicht einig, was sie davon halten sollen: Ist Pontius Pilatus der Zyniker, der sich um die Wahrheit foutiert, ja darüber spottet? Oder ist die Frage «Was ist Wahrheit?» der verzweifelte Ruf angesichts einer Welt, die schon damals nicht immer leicht zu verstehen war?
Verzichten wir darauf, Pilatus zu beurteilen oder zu verurteilen. Aber ich denke, auch für uns alle ist es nicht einfach, die Wahrheit zu erkennen. Denn gerade in den Massenmedien finden wir eine Sprache, die mir verdeckt und verschleiert als aufklärt und erklärt. Seit vielen Jahren ist es für mich fast ein Hobby, Beispiele einer Sprache zu sammeln, die bewusst missverständlich ist.
Man spricht und schreibt beschönigend von «Freistellung von Arbeitskräften» und meint damit eine für die Betroffenen oft brutale Entlassung.
Ähnlich gibt man «notwendige Preis-Anpassungen» bekannt oder «Preisbereinigung auf Verbraucherstufe». Gemeint ist, dass die Gewinne auf Kosten der Konsumenten erhöht werden.
Oder sehr makaber: Generäle und Verteidigungsminister schwärmen von «intelligente Waffensysteme» und meinen damit zum Beispiel Drohnen, mit denen aus weiter Entfernung Gegner gesichtet und umgebracht werden.
Nur noch ein letztes Beispiel, das recht aktuell ist, da die Ferienzeit vor der Türe steht: die irreführende, beschönigende Sprache der Reisebranche:
«Ein Hotel in absolut ruhiger Lage» ist weit abgelegen und zu Fuss nur mit Mühe zu erreichen. Und umgekehrt: Ein Hotel, «zentral und verkehrsgünstig gelegen» liegt mitten in einem grauenhaften Lärm.
Ja, «Was ist Wahrheit?» Mit meinen Beispielen möchte ich Sie einladen, sensibel und kritisch zu werden für den gängigen Sprachgebrauch. Dann erfahren wir: «Die Wahrheit wird euch frei machen.» Wir fallen dann nicht mehr auf jede schönrednerische Propaganda sein. (….)
Nur noch ein letzter Hinweis: Als Mediennutzer stehen wir der Vielfalt von Meinungen und Behauptungen oft hilflos gegenüber. Es gibt jedoch eine hilfreiche Faustregel, welche der Schriftsteller Bert Brecht formuliert hat, nämlich die Frage: «Wem nützt der Satz?»
Oder auch: Ist es die Sicht der Reichen? Oder werden die Interessen der Armen vertreten?» Auch dazu noch ein ganz banales Bespiel: Die Meldung «Frohe Kunde, der Kaffeepreis sinkt» macht zwar uns Kaffeetrinker in den reichen Ländern glücklich. Sie bedeutet aber auch, dass die armen Kaffeebauern und –Pflücker noch ärmer werden. Wäre es aber nicht unsere Pflicht als ChristInnen, die Welt aus der Perspektive der Armen zu betrachten? Auch beim Konsumieren von Medienmitteilungen!
Elisabethenheim, Luzern: Sa 16.30; Kloster St. Klara, So 9.30 und Pflegeheim Stans So 10.40.
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