Es wird zu wenig zum Ungehorsam erzogen
Der EssayFilm «Das radikal Böse», der am 1. Mai im ZDF ausgestrahlt wurde, befasst sich mit der Frage, wie «ganz normale» Menschen im 2. Weltkrieg Gräueltaten begingen: z.B. massenweise Zivilisten erschossen haben. Jürgmeier hat sich den Film angesehen und im infosperber kommentiert. Ausschnitte aus seinem Artikel, der auch in die Gegenwart schaut:
Prinzip Gehorsam und Männlichkeitskonzept: Eine mörderische Mischung
«Das radikal Böse» erinnert an das, was gerne verdrängt wird – dass die «ganz normalen Männer» (Titel eines Buches von Christopher R. Browning über das Reserve-Polizeibataillon 101) nicht aus Angst um ihr eigenes Leben taten, was ihnen befohlen. Verschiedene Soldaten berichten darüber, dass sie selbst oder einzelne ihrer Kameraden sich geweigert hätten, an Erschiessungen teilzunehmen, ohne «mit irgendwelchen Strafmassnahmen bedroht» zu werden, «schon gar nicht mit Erschiessung».
Obwohl es die Möglichkeit der Befehlsverweigerung gab – «Man wird dann schnell versetzt, um die Tötungsmaschinerie nicht zu stören», erklärt der Psychiater Robert Jay Lifton –, haben die wenigsten von ihr Gebrauch gemacht. «Ich hatte Bedenken, dass es mir in Zukunft schaden könnte, wenn ich mich als zu weich hinstellen würde… Ich wollte nicht, dass andere den Eindruck hatten, ich sei nicht so hart wie man hätte sein müssen… Ein Führer, der gesagt hätte, er sei für diese Dinge zu weich, dem wäre doch jede Führungsqualität abgesprochen worden.» Die meisten haben im damaligen (ideologischen) Kontext gar nicht daran gedacht, «dass diese Befehle Unrecht sein könnten». Sie haben sie befolgt, «weil sie von der obersten Staatsführung kamen, und nicht etwa weil ich Angst hatte».
In diesen Aussagen wird sichtbar, dass es vor allem das Prinzip Gehorsam und das Männlichkeitskonzept (in den Augen der anderen nicht als «Schlappschwanz» erscheinen wollen) sind, die aus ganz gewöhnlichen Männern (und in entsprechenden sozialen Verhältnissen auch aus Frauen) zuverlässige Massenmörder machen.
Der Film weist mit der Dokumentation sozialpsychologischer Experimente beziehungsweise realer gesellschaftlicher Ereignisse über das Vergangene hinaus und macht deutlich, «dass das ‹Böse› bis heute direkt unter der Oberfläche der Zivilisation lauert und keineswegs ein historisches Phänomen darstellt» (Filmheft).
«Ich möchte nicht in 50 Jahren einen Film über Darfur sehen, weil sich jetzt niemand bewegt»
Ist die vom Militärpsychologen Dave Grossman im Film formulierte Erkenntnis, «dass wir Soldaten heranziehen müssen, die nicht nur Befehlsempfänger sind» in den Armeen Europas, dieser Welt umgesetzt worden? Ist die Erziehung zum Ungehorsam in unseren Schulen und Elternhäusern zur Normalität geworden? Und dürfen wir ernsthaft hoffen, dass Menschen – die in freiheitlich-demokratischen Verhältnissen aus Angst vor ökonomischen Nachteilen oder sozialer Ausgrenzung abweichende Meinungen für sich behalten und gegenüber Ungerechtigkeiten beziehungsweise Menschenverachtung schweigen – in Unrechtsstaaten laut&öffentlich Widerspruch formulieren würden? Dass sie, dass wir eingreifen würden, wenn vor unseren Augen Menschen aus ihren Wohnungen gezerrt, niedergeknüppelt oder ermordet würden?
Der Film erspart uns auch die Erinnerung an den Fall Kitty Genovese in New York nicht: «Im Jahr 1964 wurde die junge Frau im Hof eines Wohnblocks überfallen und vergewaltigt. Der Täter verliess den Tatort, kehrte aber nach 20 Minuten zurück, misshandelte sein Opfer erneut und tötete es. Erwiesenermassen haben 38 Bewohner der umstehenden Häuser den Vorgang wahrgenommen, doch niemand half der jungen Frau. Das Fazit der Sozialpsychologie war, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aussenstehender eingreift, sinkt, je mehr ‹Bystander› einen Vorgang beobachten» (aus Filmheft).
Was geschieht heute vor versammelter Welt-Medien-Öffentlichkeit, ohne dass eine oder einer von uns aufschreit, von seinem oder ihrem Sessel aufsteht und versucht, das Unerträgliche zu stoppen? «Theoretische Erörterungen reichen nicht, auch wenn sie notwendig sind. Es braucht das persönliche Engagement jedes Einzelnen, gegen zerstörerische Entwicklungen aufzutreten», mahnt Robert Jay Lifton. Und der katholische Priester sowie Genozidforscher Patrick Desbois sagt in dem 2013 produzierten dokumentarischen Filmessay «Das radikal Böse» mit Blick auf Gegenwarten: «Ich möchte nicht in 50 Jahren einen Film über Darfur sehen, weil sich jetzt niemand bewegt.»
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