Walter Ludin

Auf vernünftige Muslime hören! Statt uns für Extremisten zu interessieren...

Ein Dialog mit dem «Islamischen Staat» ist nutzlos. Denn: «Der IS lässt sich nichts beibringen», meint die libanesische Islamwissenschaftlerin Nayla Tabbara. Sie sieht in einem Interview jedoch andere Wege, die muslimische Gewalt zu bekämpfen.
Frau Tabbara, viele fürchten, dass der Koran letztlich doch einen Keim der Gewalt enthält. Ist der «Islamische Staat» (IS) nicht der Beleg dafür?
Nayla Tabbara: Der Koran enthält hohe Werte und Normen, Erzählungen über frühere Propheten und über die neugebildete islamische Gemeinschaft im 7. Jahrhundert. Darunter sind auch kriegerische Erzählungen. Man kann nicht leugnen, dass manche Verse gewalttätig sind oder zu Gewalt anstacheln – wie auch Verse im Alten Testament, dem indischen Mahabharata und anderen heiligen Schriften. Über die längste islamische Geschichte wurden diese Verse ausschliesslich auf den Kontext der ersten Eroberungen bezogen. Nichtsdestoweniger haben manche Autoren sie benutzt, um Gewalt zu propagieren. Der IS folgt dieser Linie – und führt sie zu einem nie dagewesenen Extrem.
Für mich ist IS der Beweis, dass man gewalttätige Deutungen in den Religionen nicht spriessen lassen darf. Es zeigt auch: Im Islam muss es Kriterien dafür geben, was als Interpretation akzeptabel ist. Diese müssen auf Werten und Prinzipien gründen, die der Islam selbst hochhält: Menschenwürde, Barmherzigkeit, Vergebung.
Wird  es einen innermuslimischen «Kampf der Interpretationen» geben?
Nayla Tabbara: Der Kampf der Interpretationen in der muslimischen Welt ist schon im Gang. Das zeigen der IS und die Deutungen anderer Muslime. Der IS hat liberale und konservative Muslime einander näher gebracht: Beide sehen ihre Religion von Kriminellen und Monstern gekidnappt. Das lässt sie erkennen, wieviel sie gemeinsam haben.
Als nächsten Schritt müssen wir eine gemeinsame Theologie über das Verhältnis von Islam und Staat, Islam und andere Religionen, Dschihad und dergleichen entwickeln, um die Mehrdeutigkeit von Text und Interpretation über die Jahrhunderte zu klären. Ich sehe gute theologische Gründe, dass der Islam zu einer Akzeptanz religiöser Vielfalt und einer Annahme des anderen aufruft. Wir brauchen aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Um voranzukommen, müssen wir uns den Fehlern und der Gewalt der Vergangenheit stellen.
PS. Es ist offensichtlich: Für die Muslime (ihrer Leiter, Theologen …) gibt es sehr viel zu tun. Auch für uns Christen: Es ist hilfreich, wenn wir auf besonnene Stimmen hören statt uns nur mit den Extremisten auseinanderzusetzen. Diese haben am meisten Freude daran, wenn sie auf unser Interesse stossen.

11. April 2015 | 01:39
von Walter Ludin
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