Walter Ludin

Hier und jetzt als Auferstandene leben

Ostern beginnt dieses Jahr für mich schon am Samstagnachmittag um halb fünf, in der Osternachtfeier im Elisathenheim Luzern. Darum schon jetzt  meine Predigt (die ich allerdings erst am Osterfest in Stans – Frauenkloster und Pflegeheim –  halten werde.)
«An Ostern kommt der Osterhase und bringt viele bunte Eier. Die besten sind aus Schokolade.»
So beschrieb die fünfjährige Sophie das Osterfest. Ihr Vater, ein Theologe, war mit dieser Erklärung nicht ganz zufrieden. Er erzählte ihr von Jesus: wie er starb, wie er auferstand, damit auch wir Menschen einst auferstehen können.
Sophie liess sich von dieser christlichen Hoffnung nicht beeindrucken. Sie hatte ein Problem: ob der Osterhase ihr trotzdem Ostereier bringen würde. Ihr Vater beschwichtigte sie.
Dann kam Ostern, Sophie ging mit ihrem Vater auf den Friedhof, zu einem Gräberbesuch. Da stand die Fünfjährige auf eine Bank und rief: «Ostern! Steht alle auf!»
Nun, so rasch geht es nicht. Dennoch: Ostern schenkt uns die Zuversicht, dass Auferstehung geschieht. Das Fest schenkt uns die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat; so, wie es Paulus ausdrückte:  »Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?»
Ja, das alles geschieht nicht so schnell, wie Sophie meinte. Die Toten bleiben in ihren Gräbern. Trotzdem müssen wir – wie ebenfalls Paulus es ausdrückt – wir müssen «nicht so trauern wie jene, die keine Hoffnung haben».
Wenn ich diesen Satz höre, kommt mir eine Begegnung in den Sinn, die ich als Student in Arosa hatte, als ich dort in einem Hotel arbeitete. Im ersten Jahr traf ich eine Familie an mit einer sehr lieben, um nicht zu sagen, «süssen» Oma. Im nächsten Jahr war sie nicht mehr dabei. Ich erkundigte mich nach ihr. Die traurige Antwort: «Mama ist nicht mehr.»
Nein, unsere lieben Verstorbenen sind zwar nicht mehr leibhaftig unter uns. Sie sind aber nicht ver-nichtet.
 
Gewiss, über den Zustand unserer Verstorbenen wissen wir nichts Konkretes. Gottes neue Welt ist nicht fassbar mit unserem Verstand. Wir müssen uns begnügen mit unzureichenden Vorstellungen: Die Indianer stellen sich ewige Jagdgründe vor. Ein lieber alter Bekannter von mir, der damalige Caritas-Direktor Fridolin Kissling, meinte, der Himmel bestehe aus totaler Kommunikation: aus der intensiven Verbundenheit mit Gott und zwischen den Menschen.
 
Mit einem Wort aus Kindermund haben wir angefangen. Für den zweiten Teil meiner Predigt zitiere ich einen Schüler, der auf die Frage nach dem letzten Wort Jesu antwortete: «Pflegt bitte mein Grab.»
Nein, die Kirche ist kein Grabpflegeverein. Sie ist kein Denkmalamt, das das Vergangene beschützt. Es ist zwar wichtig, dass sie an das Vergangene erinnert, indem sie die Botschaft Jesu vor dem Vergessen bewahrt. Ihre Hauptsorge aber muss sein, dass – mit einem Wort von progressiven Theologen der 1960er-Jahre – die Sache Jesu weitergeht.
Mit Blick auf die Auferstehungshoffnung darf und muss man auch sagen: «Es gibt ein Leben vor dem Tode.» Im Kolosserbrief steht dazu: «Ihr seid auferweckt worden in Christus.» Das Gleiche steht im Johannes-Evangelium, das beschreibt, dass wir als Auferstandene leben können, hier und heute.
Als Auferstandene leben: Wie dies aussehen könnte, zeigte schon vor 60 Jahren der Monumentalfilm «Das Gewand». Er erzählt die Geschichte des römischen Hauptmanns, der das Hinrichtungskommando geleitet hatte, das Jesus kreuzigte. Marcellus, so heisst er im Film, hört davon, dass dieser Jesus lebt. Auf der Suche nach ihm kommt er in eine urchristliche Gemeinde in Galiläa. Was er da sieht, fasziniert ihn. Diese Christen leben ganz anders als die andern. Nur einige Beispiele:

Die Menschen hier wussten, dass er ihren geliebten Meister gekreuzigt hatte. Dennoch hasste ihn niemand. Keiner versuchte, sich an ihm zu rächen. Im Gegenteil: Sie schenkten ihm Vergebung und Versöhnung.
Weiter: Sie sind ehrlich und grosszügig. Unaufgefordert bekommt er Geld zurück, das er den Dorfbewohnern zu viel bezahlt hatte.
Marcellus fand Menschen, die und Fröhlichkeit ausstrahlten und jeden Fremden gastfreundlich aufnahmen.

Marcellus schenkte einem kaum 10-jährigen, armen Knaben seinen Esel. Am nächsten Tag aber entdeckte er, dass dieser den Esel weitergeschenkt hatte. Der 10-Jährige erklärt, der Beschenkte sei viel ärmer. Er sei lahm und habe seine Familie verloren. Mit dem Esel habe er ihn ein wenig aufheitern wollen.

Kommen wir zum Schluss. Ich möchte nicht weiter von dieser ersten Christengemeinde erzählen. Doch ich möchte Sie einladen: Überlegen Sie sich, wie Sie selber als Auferstandene leben, hier und heute.

4. April 2015 | 15:53
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
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