Wo kämen wir hin?
Es ist faszinierend einfach: Kurt Martis Gedicht «Wo chiemte mer hi, wenn alli seite, wo chiemte mer hi …» Bekanntlich geht dann niemand hin, um zu schauen, wo man hinkäme, wenn man ginge. In den letzten Monaten musste/durfte ich mich intensiv mit diesem Gedicht auseinandersetzen. Denn ich redigierte unser franziskanisches Jahrbuch, den «Franziskuskalender» mit dem Motto: «Wo kämen wir hin …?»
Es ging mir auf, wie lebensnah das Gedicht ist. Denn wie oft hören wir – oder sagen es auch selber: «Man sollte eigentlich …. Man müsste endlich …» Und es geschieht nichts und wieder nichts. Warum wohl? Meine Berliner Freundin Manuela hat eine zutreffende Antwort, wenn sie in solchen Situationen sagt: «Der Man ist tot.» Im Klartext: Es gibt «man» nicht. Es gibt nur ich und wir.
Selbstverständlich begnügen wir uns nicht damit, im Kalender vor allem darüber klagen, dass «man» stehen bleibt und nicht «hingeht», um zu schauen, wo «man hinkommt». Denn wir haben die Autorinnen und Autoren eingeladen, uns zu erzählen, was es bedeuten könnte, aufzubrechen, etwas zu versuchen und zu «schauen», was daraus entsteht.
Wenn zum Beispiel jemand im Zug oder Tram sein Handy – oder wie auch immer das Ding heisst – weglegte und sein Gegenüber anspräche. Es könnte eine Freundschaft entstehen. Oder wenn wir in jedem Menschen, auch im Fremden, den Bruder/die Schwester sähen. Als franziskanische Publikation können wir uns dabei auch auf Franz von Assisi berufen, der sogar den Räuber «Bruder» nannte. (Spätestens beim nächsten Einschleichdiebstahl ins Kloster wird’s diesbezüglich spannend!)
Ich bin glücklich, dass unserer Autoren – vor allem die Autorinnen! – sich nicht gescheut haben, scheinbar Verrücktes wie ein existenzsicherndes Grundeinkommen für alle oder gleichen Lohn für alle vorzuschlagen.
Auch wenn ich in den letzten Monaten wieder einmal gespürt habe, wie mühsam Redigieren sein kann: Ich wurde durch die eingegangenen Artikel angeregt, aufzubrechen, statt bloss über den Aufbruch zu diskutieren.
Erschien in der Reformierten Presse als «Tagebuch»
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