Walter Ludin

Muslimische Glaubensgemeinschaft anerkennen?

Schreckgespenst islamische «Landeskirche»
«Als Einwanderer bilden die Muslime in der Schweiz eine Sondergesellschaft. Sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.» Diese Sätze fassen die Situation der hiesigen muslimischen Glaubensgemeinschaft meines Erachtens sehr gut zusammen.
Aber Halt! Ich habe mich vertan. Aus Versehen gelangten Sätze in diesen Beitrag, die vor anderthalb Jahren im Tages-Anzeiger standen. Statt «Muslime» hiess es dort «Katholiken», statt «Schweiz» Zürich. Es ging um einen Rückblick auf den weiten Weg, den die Zürcher Katholiken bis zur ihrer Anerkennung im Jahre 1963 zurücklegen mussten.
An den zitierten Artikel denke ich oft, wenn darüber gestritten wird, ob die Muslime offiziell als Glaubensgemeinschaft anerkannt werden sollten. Im Beitrag finde ich eine weitere Parallele. Es heisst dort auch, dass die katholische Messe verboten war – und erinnert mich an das Minarettverbot oder an die Hindernisse, welche Muslime zu überwinden haben, wenn sie einen Gebetsraum eröffnen wollen (wie zurzeit etwa in Wil).
Ich kann nur schwer und undeutlich in die Zukunft schauen. Doch ich stelle mir vor, vor, dass die aktuellen Widerstände von heute uns in 50 Jahren ähnlich absurd vorkommen werden wie damals die Ausgrenzung der Zürcher Katholiken. Für manchen alteingesessenen Protestanten waren die Immigranten aus der «suisse primitiv» wohl ähnliche Schreckgespenste wie heute die Türken aus Anatolien – und eine Gleichberechtigung ein teuflisches Ansinnen.
Allerdings: Ich möchte nicht von einer muslimischen «Kirche» sprechen; so wenig ich den Begriff «Homo-Ehe» für glücklich halte, obwohl ich in der Sache vollständig damit einverstanden bin. Sind wir so wenig kreativ, dass wir nicht adäquate Ausdrucke für neue Regelungen finden?

15. Januar 2015 | 16:32
von Walter Ludin
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