Walter Ludin

Die Mäuslein und die Kirchenreform

Welche Taktik sollen die Kirchenreformer anwenden?
Von Heribert Franz Köck, Laien-Initiative Österreich
Betrüblicher Weise scheint der derzeitige Reformwind, der (wenn schon nicht von der Kurie, dann doch) vom Papst her weht (und der bisher ohnedies nur ein Lüfterl ist, das noch dazu jederzeit in eine andere Richtung umschlagen kann, wenn dem Papst – was Gott abhüten möge! – etwas zustossen sollte), innerhalb der Reformbewegungen da und dort Unsicherheit ausgelöst zu haben. Soll man mit ihm das Schiff der Reform beschleunigen, gar ein paar zusätzliche Segel setzen, um ihn bestmöglich zu nutzen? Oder soll man nicht eher ein paar Segel reffen, damit man die gewohnte Fahrgeschwindigkeitbeibehalten kann, das Schiff sich bequemer steuern lässt und niemand durch einen neuen Reformschwung verstört wird?
Wem die christliche Seefahrt nicht so geläufig ist, für den sei ein anderer, aus dem Bereich des Volkssports No.1 genommener Vergleich gebracht. Wenn eine Fussballmannschaft 1:0 führt, dann gibt es immer Einige, die meinen, man brauche jetzt nur noch gerade so viel tun, als notwendig ist, um den knappen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Andere freilich meinen, dass es besser wäre, den Vorsprung durch ein zweites Tor abzusichern, damit der Erfolg auch durch ein mögliches Gegentor in letzter Minute nicht mehr gefährdet werden kann.
Obwohl es vernünftig erscheint, dass man den günstigen Wind nutzen soll, bis man den Zielhafen erreicht hat, und es leichtfertig wäre, darauf zu hoffen, dass einer Mannschaft, die 1:0 führt, schon nichts mehr passieren wird, gibt es auch innerhalb der Reformbewegungen manche, die für ein eher gemütlicheres Segeln plädieren. Oder dafür, die eigenen Kräfte lieber zu schonen, dabei vielleicht darauf vertrauend, dass man auf diese Weise auch den Gegner einschläfern kann.
Weil es diese unterschiedlichen Auffassungen gibt, fordert gerade die derzeitige Situation in der Kirche den Reformbewegungen eine Grundsatzentscheidung ab. Eine Grundsatzentscheidung darüber, ob man auch weiter mit vollem Einsatz «am Ball bleiben» oder lieber einen Schongang einlegen, ob man den neuen Wind weiter zu voller Fahrt nutzen oder lieber ein paar Segeln einholen soll.
Meines Erachtens liegt die richtige Entscheidung auf der Hand. Wenn wir uns für die Kirchenreform engagieren, weil wir dafür im Rahmen unserer Möglichkeiten Verantwortung tragen, so wäre es unverantwortlich, die Chance, die sich in der Person von Papst Franciscus bietet, nicht zu ergreifen und nicht alles dazu beizutragen, den neuen Reformschwung zu nutzen!
Das gilt für das ganze Spektrum von Ansatzpunkten. Jeder kann in seinem Bereich zur Kirchenreform beitragen. Ich selbst vergleiche die Reformer gerne mit kleinen Mäuslein, die in einem grossen Netz gefangen sind. Sie können nur nagen. Das eine beisst da einen Faden durch und das andere dort; und irgendwann – kein Mäuslein weiss, wann – zerreisst das Netz und sie sind frei. So wird es auch in der Kirche sein: jede Kritik, jeder Ungehorsam trägt dazu bei, das derzeitige System zu erschüttern, bis es endgültig zusammenbricht.

4. Januar 2015 | 01:03
von Walter Ludin
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